5 Dinge, die der Fußball von Olympia lernen kann

Von am 12 Aug 2012 | An fremden Brettern

1. Post-Match-Interviews

Allüberall wird Podolski gefeiert, weil er das ti-aitsch besser trifft als so ziemlich alle Freistöße der letzten Saison und sein erstes Interview nicht ähnlich in den Sand gesetzt hat wie sagen wir Lothar Matthäus. Oder Heinrich Lübke. Großartig, wie er sagt, dass Arsenal ein “big club” ist! Und überhaupt, dass er so “happy” sein kann! Ich mach mir gleich in my trousers vor Begeisterung! Stop the press, ein Deutscher im Ausland, der sich nicht blamiert hat! Oder jemanden erschossen. Wenn das mal keine Newsroom-Episode füllt.

Bin ich eigentlich der einzige, der diese Podolski-Scheiße boring findet, und lieber mehr Markus Rogan hätte?

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2. Franziska van Almsick

Der Boulevard monierte, dass sie beinah alle ihre Sätze mit “Ich als Expertin…” einleitete. Es stimmt, das hatte etwas hilflos refrainmäßiges; natürlich hätte sie das nicht machen müssen, weil es sowieso immer am unteren Bildrand eingeblendet wird. Aber was entscheindend war, folgte erst danach, sobald die Kollegen von der az beschlossen hatten schon längst wegzuhören: sie thematisierte ihre Verstrickungen mit dem Verband, ihre Sympathien für einzelne Sportler, den Ärger, den sie sich mit manchen Statements eingefangen hatte; und gerade, dass sie dabei häufig ein wenig hölzern wirkte, überbedacht und gleichzeitig erschütternd ihrem Standpunkt verpflichtet, machte sie den Schmierlappen von der Regenbogenpresse so verdächtig. Denen ist einer wie Beckenbauer lieber, der nichts sagt, dabei aber ein wenig aus dem Mund sabbert: diese Tropfen, die dann auf irgendeinen armen Idioten niederregnen, sind dann skandalträchtig. Ein inszenierter, natürlich, denn inzwischen werden Fußballprofis nur noch ausgeliefert, nachdem sie in Folie eingeschweißt worden sind: Man kann die Beckenbauer-Spucke abwischen, und alles bleibt, wies ist. Das Fernsehen, dass sich allzugern als Echtzeitmedium aufspielt, ist im Grunde ein leerer performativer Akt, ein Bild, das nicht schwarz bleiben darf, und deswegen sein Warten auf das folgende inszeniert, ungefähr so.

Heute habe ich gehört, dass Lothar Matthäus Sky-Experte geworden ist. Prinzipiell ist natürlich nichts zu sagen gegen die Integration geistig Minderbemittelter, aber man hat als Fernsehsender dann doch eine inhaltliche Verantwortung.

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3. Eröffnungsfeier

Leute, ihr, die ihr von der FIFA seid, ihr habt doch auch schonmal fern gesehen. Drei Hüpfdohlen in von Wigald Boning geschneiderten Anzügen plus zweiundzwanzig Kinder, die nicht wissen, wohin sie kucken sollen, das passt ganz gut zu einer aus dem Ruder gelaufenen Bad-Taste-Party in Brandenburg. Schaut doch bitte nochmal, was London da veranstaltet hat, um die Spiele angemessen zu beginnen: Das ist eine Schöpfkelle, ihr blutigen Laien!

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4. Technologie ist nicht die Lösung

Zumindest nicht aller Probleme. Ich hab nicht mitgezählt, aber wie oft kam es vor, dass die Messgeräte ein anderes Ergebnis als das hinterher als tatsächliches festgestellte lieferten? Eine Formulierung, neben die selbst mein Philosophieprofessor ein “St!” für Stil gesetzt hätte. Allein, wenn deutsche Olympioniken betroffen waren: Bei den Florett-Fechtern, Lilly Schwarzkopf, Betty Heidler, noch irgendwas? Technik, macht die Dinge nicht transparent, sie verschiebt bloß die Grenze der Wahrnehmung ins Unerbittliche, bis keiner mehr irgendwas erkennt. Die Diskussion wird nicht entschärft, das wird auch mit Torkameradingens nicht anders sein. Die Kamera hat keine direkte Autorität, das Fernsehen verhindert es, siehe (u.a.) Lothar Matthäus. Ein Schluss, den nicht einmal mein Philosophie-Lehrer akzeptiert hätte, wir diskutieren das dann bei der nächsten Post-Wembley-Entscheidung.

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5. Bescheidenheit

Wie ungekünstelt die meisten der Olympioniken in den Interviews klangen, und wie aufrichtig sie sich gefreut haben, wenn es einen Erfolg gab. Wie deutlich das klang, das es für ihren Sport war, nicht nur für sich. Man vergleiche die Reaktion der normalerweise durch die Bank unsympathischen deutschen Hockey-Mannschaft gegen Mario Balotelli. Fußball ist ein viel zu verwöhntes Kind. Zu viel Aufmerksamkeit, verzogen und undankbar. Wir, die Fans, sollten uns mal wieder unserer Elternrolle annehmen und ihn aus den Fängen des schlecht beeinflussenden, unterwürfigen, anstachelnden Nachbarsjungen Fernsehen befreien.

Hallo Spox!

Von am 30 Jul 2012 | An fremden Brettern, Geht auf's Haus!

Nein, ich geb Dir jetzt lieber nicht die Hand. Weil, weißt Du: ich fürchte, Du hast sie zu oft in Deiner Hose. Ja, ich weiß, so fängt man normalerweise kein Gespäch an, das gehört nicht zum guten Ton. Aber Du verstehst das bestimmt, Du kommst ja selbst auch unmittelbar zum Punkt, vor allem, wenn es um Frauen und Sport geht. Jetzt gerade hast Du wieder eine fachlich aufschlussreiche Fotoserie auf Deiner Seite, Titel: “Die heißesten Olympia-Sportlerinnen”. Und da steht dann unter einem Bild von der Sharapowa:

Noch Fragen…

Doch, ja, durchaus. Zum Beispiel: Was zur Hölle soll das? Macht die Bildredaktion bei Dir jetzt Lothar Matthäus? Das jedenfalls würde den Niveaulimbo erklären, den Du in den Unterschriften aufführst. Zum Beispiel hier:

Als Beachvolleyballerinnen geizen Ilka Semmler (r.) und Katrin Holtwick per se nicht mit ihren Reizen

“Per se”. Glaubst Du im Ernst, dass Semmler und Holtwick halbnackt durch das verregnete, windige London springen, weil wegen “per se”? Wenn dem so ist, Spox, dann muss ich Dich jetzt leider aufklären: die Beachvolleyball-Statuen sind da nämlich fundamentalistischer als jeder religiöse Fanatiker. Die müssen im Bikini spielen, der Höschensteg darf nicht breiter sein als vier Zentimeter*, sonst dürfen sie nicht antreten. Und jetzt rate mal, warum das so ist. Genau: damit Du Dir dann in aller ruhe die Eier kraulen kannst, während die über den Sand hüpfen.

Ich meine, Spox, ich weiß Dich zu schätzen. Du gehst mir zwar auf Facebook immer derbe auf die Nüsse mit Deinen “Nuri Sahin hat Fußpilz! Wie ist das passiert, was meint ihr?”-Kack. Man müsste Dir mal in einer ruhigen Minute erklären, dass man Social Media nicht nach dem Vorbild eines 9live-Moderators macht. Du weißt das ja eigentlich auch, sonst wär Dein Twitteraccount nicht so gut.

Im Grunde bist Du meine erste Anlaufstelle für Tagesaktualität. Ich bin gottfroh, kicker.de nicht mehr zu brauchen, seit es Dich gibt. Die Ticker sind auch in Ordnung bis gut, und Du schreibst eben auch mal was zu Hannover 96 oder Nürnberg, wenn alle anderen wieder nur über die Bayern reden. Das hat Dich bisher immer zu einem okayen Gesprächspartner gemacht, der zwar weiß Gott nicht die gleichen Vorlieben teilt, aber dem ich doch immer Respekt entgegengebracht habe.

Aber weißt Du, ich setz mich nicht an Tische, wo fortwährend Herrenwitze erzählt werden. Diese Klickfickereien, die Du da neuerdings vermehrt von Dir lässt, geben mir immer das Gefühl, so lange duschen gehen zu müssen, bis sich die Haut von den Schultern löst. “Die schönsten Sportmoderatorinnen weltweit”, “Madgalena (sic!) Neuner – Abseits der Loipe”, “Andrea, Julia und Sabine: Die heißen DTB-Mädels”, “Julia Mancuso: Die besten Bilder des Glamourgirls”, “So sexy kann Wintersport sein”, “Maria Riesch – Die schönsten Bilder des Skistars”, “Players to watch: Die schönste Seite der WM 2011″, “Lena, Lara, Sara(h): Die heißesten EM-Spielerfrauen”, “Die hübschesten DFB-Mädels”, “Sexy Fans: So schön kann Fußball sein”, usw usf. Wie oft hat man Deinem Bildredakteur bereits eine neue Tastatur kaufen müssen, weil seine alte einen Kurzschluß produziert hat, nachdem ihm zu viel Sabber reingelaufen ist? Ich meine, wenn der sich häufiger mal abreagieren muss, dann gib ihm halt zehn Minuten Pause mehr am Tag und nimm Youporn von der internen Sperrliste.

Aber bitte, hör mit dieser ekligen Itsy Bitsy Teenie Weenie-Scheiße auf. Ich will nämlich nicht zurück zum Kicker, weißt Du. Vielen Dank.

[Update: War mal so, hat sich inzwischen geändert, bitte längeren Absatz zur normativen Kraft des Faktischen dazudenken. Vielen Dank an Jens für die Korrektur. Und an egal in den Kommentaren.]

Pippo

Von am 25 Jul 2012 | Stammgäste

Ich mag Pippo Inzaghi. Ein verhängnisvoller Satz. Denn Pippo Inzaghi mag man nicht. Pippo Inzaghi: hasst man. Wie er sich: Anschleicht. Fortstiehlt. Wie ein: Dieb. Empörend. Und fällt: im Strafraum. Theatral…, nein: bösartig. Und die Tore: Abstauber. Allesamt. Ein Tor-Schmarotzer, glattgegelt.

Klammheimliche Freude. Das ist wohl der Ausdruck, der am besten zu eben jenem Gefühl passt, das ich verspüre, wenn Pippo Inzaghi – ja, wie sagt man das bei ihm? Einnetzt? Nein, zu sehr Boris Becker. Versenkt? Nein, zu martialisch, zu Mussolini. Wenn Pippo Inzaghi den Ball seiner Bestimmung zuführt. Denn genau das tut er, das ist er: Schicksal. Gnadenlos deckt er den weiten Abstand zwischen Dendriten und Synapsen der andersfarbig gekleideten Spieler, die Schläfrigkeit der gegnerischen Transmitter auf: und profitiert davon. Gnadenlos nutzt er Zufälle, Gegebenheiten, Umstände: Was bei Gomez Glück und Willen ist, bei Kuranyi Arbeit, bei Henry Können, ist bei Inzaghi System. Er riecht die Situation nicht: er ist sie.

Wie er jubelt danach. Nach dem Tor, das keiner mitbekommen hat. Er jubelt schon, da wird dem Torhüter überhaupt erst bewußt, dass irgendwas passiert sein müsse: verdammt, wird er gleich denken. Weil er sieht, wie Inzaghi die Arme von sich wirft. Und das Gesicht verzieht. Und schreit, und springt, und hüpft. Und in jede Richtung schaut. Weil er gar nicht weiß, wie das gehen soll: jubeln. Nach so vielen Spielen, nach so vielen Toren weiß er es immer noch nicht. Wahrscheinlich hat er noch nie drüber nachgedacht, was das eigentlich ist: Jubeln. Es ist im Grunde ja auch nicht wichtig.

Inzaghi kann nur eines: Tore schießen. Meistens nicht sehr schöne Tore, oder wie man früher bei uns auf dem Platz gesagt hat: Inzaghi wichst sie rein. Immer wieder. Jede Faser will, dass der Ball diese bescheuerte Linie überquert, die das an einem Quergebälk befestigte Netz vom übrigen Spielfeld trennt. Nichts, woran ein normaler Mensch sein Dasein festmacht: für Inzaghi alles. Egal wie.

Man kann Inzaghi nur mögen, wenn man ihn nach dem Spiel gesehen hat: Nach dem Abpfiff. Wenn er für einige Sekunden, vielleicht sogar eine Minute noch nicht begriffen hat: Es ist vorbei. Zurück in die Kabine. Duschen. Heimgehen. Übermorgen Training. Solange, bis einer zu ihm hingeht, um ihn abzuholen aus dieser Welt, die runder ist, als Kolumbus jemals glaubte.

(Der Text ist schon vier Jahre alt; es ist keine Wiederverwertung, sondern eine Wiederfeier. Von Pippo. Zu seinem Karriereende. Was soll man dazu sagen außer: Amen.)

Auswärts VI

Von am 18 Jul 2012 | An fremden Brettern

Spiegel Online: FC Barcelona kauft sich einen Knirps

Zak Gilsenan ist der neueste Zugang des FC Barcelona – und der jüngste. Der Neunjährige zieht von Irland nach Spanien, um in der Fußballschule des FCB auf eine große Karriere vorbereitet zu werden. Doch das Vorgehen ist umstritten.

Der Vollständigkeit halber zieh ich hier mal einen Artikel rüber, den ich damals zum Thema bei Fooligan geschrieben habe (diverse Verlinkungen im Originalartikel):

93 Millionen Euro hat Real Madrid für Cristiano Ronaldo bezahlt: damit ist er zum teuersten Spieler aller Zeiten geworden. Eine irrsinnig hohe Summe, über die sich wahnwitzig viele Leute aufgeregt haben: so viel sei kein Mensch, schon gar kein Fussballerspieler wert. Das finden übrigens auch die Vereinsbosse, weswegen sie nach neuen Möglichkeiten suchen, wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne sich für einen Stürmer gleich zu ruinieren. Eine dieser Möglichkeiten heißt: Kindertransfers. Vor allem aus dem Ausland.

Kindertransfers aus dem Ausland sind eigentlich verboten. In den FIFA-Statuten heißt es dazu:

Ein Spieler darf nur international transferiert werden, wenn er mindestens 18 Jahre alt ist.

Soweit die Theorie. Jetzt die Praxis: Zur Saison 07/08 verpflichtete Manchester United den damals neunjährigen Australier Rhain Davis. Einige Wochen später wollte sich der FC Bayern München den dreizehnjährigen Peruaner Pier Larrauri Corroy kaufen. Zwei Beispiele von dutzenden.

Inzwischen gehören Kindertransfers zum Standardrepertoire der internationalen Clubs. Obwohl sie früher auch dann und wann vorkamen (einer der ersten Kindertransfers fand 1962 statt, als Georg Volkert für 3000 Mark zum 1. FC Nürnberg wechselte), hat sich ein systematisches Netz erst ab Mitte der 90er entwickeln können.

Der Hauptgrund ist die Deregulierung des Fussballmarktes in der Folge des Bosman-Urteils. Da sich die Ablösesummen, Handgelder und Gehälter für begabte Fusballer in schwindelerregende Höhen hochschraubten, galt es, neue Wege zu finden, den Rohstoff „Fussballer“ günstig zu erwerben.

Es gibt vereinfacht gesagt zwei Wege, möglichst risikofrei und ohne größere Verpflichtungen junge Talente zu fähigen Spielern zu machen. „Rohdiamanten zu veredeln“, um im Fussballsprech zu bleiben. Der eine führt über die vereinsinternen Nachwuchszentren. Bewährt sich der Spieler, entwickelt er sich zu einem Messi oder einem Eto’o. Ansonsten wird er aussortiert. Wie sagte Werner Kern, Jugendabteilungsleiter des FCB, anlässlich des Larrauri-Transfers so schön? „Er kommt für ein Jahr. Mal schauen, wie sich das entwickelt.“

Der andere ist ein wenig komplizierter: Vereine wie Arsenal gründen Fussballschulen in Afrika. Begabte Spieler bekommen dort eine Ausbildung, und schaffen sie es, sich akademieintern gegen ihre Mitbewerber zu bewähren, werden sie an Partnervereine in schwächeren Ligen als es beispielsweise die Premier League ist ausgeliehen. Besonders beliebt ist die belgische Jupiler-League, nicht nur auf Grund ihrer mittelmäßigen Spielstärke, sondern vor allem auch, weil es im innereuropäischen Vergleich einfacher ist, die belgische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Mit dem Ergebnis, dass beispielsweise der SK Beveren zeitweise mit zehn Spielern von der Elfenbeinküste in der Startelf auflief. Setzen sich die Spieler auch da durch, kommen sie so gut wie ausgebildet in die Vereine, die sich zumindest beim ersten Vertrag einen Haufen Geld sparen. Inzwischen gibt es einige Scouting-Agenturen von Geschäftsleuten, die sich früher mit Diamanten- und Holzschmuggel beschäftigt haben.

Warum die FIFA Kindertransfers verbietet, lässt sich schwer dokumentieren, denn Misserfolgsgeschichten erzählen sich im Sport nicht besonders gut. Oder nur mit der nötigen Fallhöhe. Deswegen ist der bestdokumentierte Fall auch der eines Spielers, der schon in sehr jungen Jahren ein Star war: Nii Odartey Lamptey. Lamptey war der begabteste Spieler der ghanaischen U17, die bei der WM in Italien 1991 den ersten internationalen Titel einer afrikanischen Mannschaft errang. Pelé nannte ihn den „besten Fussballer der Welt“ und meinte, seinen Nachfolger gesehen zu haben. Im alter von 15 Jahren wurde er in einer Frachtkiste nach Belgien transportiert, um beim RSC Anderlecht den ganz großen Durchbruch zu schaffen. Stattdessen hielt er dem Leistungsdruck nicht stand und tingelte nach einigen persönlichen Tragödien durch die Weltgeschichte, spielte in China, in Saudi-Arabien, bei Greuther Fürth und beendete seine Karriere bei Jomo Cosmos in Südafrika.

Nun war Lamptey 15 Jahre alt, als er wechselte. Inzwischen sind dem Alter nach unten keine Grenzen mehr gesetzt. Die Scouts interessieren sich für Kinder wie Mohammed Madin (6 Jahre) oder Charlie Edwards (3 Jahre). Die Konsequenzen für die jungen Spieler sind unüberschaubar. Sicher ist, dass eine Ausbildung eines Spielers inzwischen deutlich weniger kostet, als einen Topstar einzukaufen. Das haben selbst die Sponsoren erkannt: Nike macht Verträge mit 13jährigen. Was sich wie Wahnsinn anhört, ist im Fussballgeschäft längst (verschwiegene) Realität.

Pier Larrauri Corroy hat es übrigens nicht weiter als zu zwei Probetrainings beim FCB geschafft. Das Heimweh war dann doch zu groß. Einige Zeit später forderte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FCB, in einem Anfall von moralischer Integrität hemmungsloser Heuchelei ein Ende aller Kindertransfers, weil es sich um eine „skrupellose Praxis“ handle.

Es ist den Kindertransfers schon oft der Kampf angesagt worden, bisher immer ohne Ergebnis. So lange es Ablösesummen von der Kategorie Ronaldo geben wird, wird eine wirksame Bekämpfung der Kindertransfers unwahrscheinlich bleiben. Die Doppelzüngigkeit der Verbände und der Vereine lassen nicht vermuten, dass eine wirksame Bekämpfung überhaupt in ihrem Sinne ist.

ESPN: Hope Solo tests positive, still eligible

Hope Solo wurde positiv auf Doping getestet, aber was solls, sie erzählt halt auch so schöne Sexgeschichten.

Harald Martenstein “Dies ist das wahre Geheimnis des Fußballs”

Die Arbeit eines Fußballexperten besteht darin, Ereignisse, die zum Teil mit Zufall zusammenhängen, hinterher als unvermeidliche Folge von Fehlentscheidungen des Trainers darzustellen. (…) Ein Physikexperte kann vorhersagen, bei wie viel Grad das Wasser kocht. Das nenne ich wahres Expertentum. Damit kann man was anfangen. Psychologen und Meteorologen liegen immerhin manchmal richtig, das sind Halbexperten. Theologen, Ökonomen und Fußballexperten wissen über die Zukunft überhaupt nichts.

Martenstein also mit einer Fundamentalkritik am Fußballexperten. Ich bin mir unschlüssig, ob mir das zu viel oder zu wenig ist; fangen wir also anders an. Die Arbeit des Fußballexperten ist es nicht, ein Spiel einzuordnen, das ist ein Missverständnis. Der Fußballexperte ist ein Kind des Fernsehens, und der Fernsehfußball ist viel erklärungsbedürftiger als ein Spiel im Stadion. Die meisten Abseitspositionen oder Elfmeterentscheidungen sind live unstrittig (weil nicht nachvollziehbar), erst wenn man sie per Kameraeinstellung in Frage gestellt hat, wird der Zuschauer zum Richter (nicht selten zum Scharfrichter). Diese Kamerawechsel sind das Mittel des Fernsehens, den Fußball kinematographisch aufzubereiten. Hinter dieser Inszenierung fehlt der Sinn, es bleibt eine gewisse Leere, wenn man selbst und alle anderen gesehen hat, dass Henry den Ball mit der Hand gespielt hat, diese Erkenntnis aber ohne Konsequenz bleibt. Aufgabe des Fernsehexperten ist es, die vielen strittigen, unzusammenhängenden Bilder wieder zusammenzusetzen zu einer großen Moral, aus der man etwas lernen kann, die also wieder Sinn ergibt; der Entwurf in die Zukunft ist da ein probates, wenn auch, anders als Martenstein suggeriert, ziemlich selten angewandtes Mittel. Diese Rezivilisierung der Bilder, dieses Wiedereinbetten in einen größeren Zusammenhang taucht übrigens bei allen Live-Berichterstattungen auf, von 9/11 über Winnenden bis hin zum Fußballspiel; das ist dem Fernsehen systemimmanent. Man müsste also das Fernsehexpertentum in Frage stellen, nicht nur beim Fußball. (Also doch: zu wenig.)

1. FC Union: 1. FC Union Berlin bleibt Sicherheitsgipfel in Berlin fern

„Die Kürze der Zeit ließ eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Vorschlag für einen gemeinsamen Kodex der Vereine sowie eine Diskussion über Maßnahmen und Vorschläge zu den Bereichen Prävention, Kontrollsysteme und Sanktionierung leider nicht zu. Wir erachten einen breiten Konsens innerhalb unseres Vereins unter Einbeziehung möglichst vieler Beteiligter, wie z. B. der Fanbeauftragten, Sicherheitsbeauftragten und Gremien sowie der Fan- und Mitgliederabteilung als zwingende Voraussetzung, um Maßnahmen, welche unseren Verein und seine Fans betreffen, auch wirksam umsetzen zu können. Für den 1. FC Union Berlin ist der seit Jahren mit der Fanszene des Vereins geführte Dialog von elementarer Bedeutung und neben Regeln und Sanktionen Basis des friedlichen Ablaufes von Fußballspielen. Ein Kodex, der sich auf das Verhalten der Union-Fans auswirken soll, kann nur mit ihnen gemeinsam erarbeitet und umgesetzt werden“, erklärt Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin.

Bitte lieben Sie ganz kurz diesen Verein.

TV-Tip : Rebellen am Ball

Von am 16 Jul 2012 | An fremden Brettern

Gestern Abend lief auf arte die Dokumentation Rebellen am Ball. Eric Cantona erzählt mit viel Pathos und völlig ungebrochen fünf Biografien von Spielern, die ihre Prominenz nutzten, um Fußball politisch zu machen. Drogba, der die Bürgerkriegsparteien der Elfenbeinküste zur Versöhnung aufrief. Mekhloufi, der sich 1958 der algerischen Befreiungsbewegung anschloß. Pasic, der in den 90ern im unter Beschuss stehenden Sarajevo eine Fußballschule errichtete. Socrates, der unter der brasilianischen Militärdiktatur bei Corinthians eine Fußballdemokratie zelebrierte. Und, die beeindruckendste Lebensgeschichte, Carlos Caszely, der sich öffentlich gegen Pinochet stellte.

Zum Stream.

Nationalbewußtlosigkeit

Von am 16 Jul 2012 | An fremden Brettern

Ich lese gerade “Krieg der Bilder – Bilder des Krieges“, eine Abhandlung, die mediale Konstruktionen und die Bilderflut nach 9/11 behandelt; unter anderem die deutschen Reaktionen auf den Anschlag, von der bedingungslosen Solidarität bis hin zum sprichtwörtlich gewordenen Struckschen ‘Heute sind wir alle Amerikaner’. Seeßlen und Metz zeigen sehr schön, wie es vor den Anschlägen noch dringend darauf ankam, einen neuen Nationalstolz aufzubauen, plötzlich aber alle Amerikaner wurden, “wenn auch mit einem verteufelt deutschen Hintersinn”.

Jeder hat eine Erklärung dafür, dass wir jetzt alle Amerikaner sind, was über jede Art von Solidarität und Mitleid grotesk hinausgeht, und mehr noch, an beidem vorbei. Offensichtlich identifiziert man sich mit dem Leiden der Amerikaner, das sofort nationalisiert wird, um sich nicht nur mit dem einstigen Sieger zu identifizieren, sondern noch einmal das Gute gegen das Böse in einen aus dem Elend geheiligten Krieg zu schicken. Nicht die furchtbarste Katastrophe und auch nicht der blutigste Anschlag in Bombay würde einen Deutschen auf die Idee bringen, sich zu einem Inder zu erklären.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich das die Synthese einer nationalen Identität: einerseits jene, die darauf bestehen, die Guten zu sein; und andererseits die anderen, die mit der Siegermentalität. Nur in den düstersten Farben auszumalen, wie grauenhaft einig sich beide wären, wenn Deutschland schön spielen und mal wieder ein Turnier gewinnen würde.

Gefrickel

Von am 09 Jul 2012 | "Mach ma n Zettel"

Zwei Zitate, auf die ich auf der Suche nach etwas ganz anderem (kann mal bitte wer dieses Internet aufräumen?) gestoßen bin und die ich hier gerne zusammenhangslos archiviert haben möchte:

“Wen interessiert denn das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass davon ein Wahlkampf beeinflusst wird. Es ist ein völliger Unsinn. Völlig gehaltlos für journalistisches Arbeiten” (Johannes B. Kerner, September 2009)

I was nine or 10 years old and my father was sacked on Christmas Day. He was a manager, the results had not been good, he lost a game on December 22 or 23. On Christmas Day, the telephone rang and he was sacked in the middle of our lunch. (José Mourinho)

Das reimt sich nicht zusammen

Von am 08 Jul 2012 | Brettgeflüster, Geht auf's Haus!

Peter Handke wird ja immer gerne zitiert, wenn es um Fußballlyrik geht; 1994 erschien in “An krummen Wegen” eine Verballhornung von Eckhard Henscheid. Nachdem ich früher mal auf Fooligan Fußball-Lyrik gesammelt hatte (das werde ich irgendwann hier mal zusammentragen müssen) und dieses Gedicht momentan nicht im Netz dokumentiert ist, voilà:

Bundesliagestart 1963
Loy – Voss, Popp – Lotz(M), Pott, Horn – Moll, Olk, Lotz(F), Solz, Horst
Ersatz: Schock, Roth, Loehr, Schnoor

Wahrscheinlich: Egon Loy (Eintracht Frankfurt), Heinz-Rüdiger Voß (Preußen Münster), Fritz Popp (1. FC Nürnberg), Werner Lotz (Meidericher SV), Fritz Pott (1. FC Köln), Alfred Horn (Eintracht Frankfurt), Jürgen Moll (Eintracht Braunschweig), Werner Olk (Bayern München), Oskar Lotz (Eintracht Frankfurt), Wolfgang Solz (Eintracht Frankfurt), Egon Horst (Schalke 04); Ersatz: Dieter Schock (Borussia Neunkirchen), Hans-Alfred Roth (1. FC Köln), Loehr, wahrscheinlich Hannes Löhr (1. FC Köln), Horst Schnoor (HSV)

Auffällig: Voss versus Voß, vielleicht ein Schreibfehler; unwahrscheinlicher, dass das Loehr statt Löhr ein Schreibfehler ist. Entweder Henscheid war nicht genau genug, hat in Anlehnung an den berühmten Fehler Handkes selbst Fehler miteingebaut oder Fußbaldaten hat nicht alle Spieler gelistet. Für mich nicht zu klären ist das doppelte Lotz; Fußballdaten kennt nur einen, dessen Vornamen weder mit M noch mit F beginnt, der den Bundesligastart miterlebt hat: nämlich Werner Lotz, den ich jetzt zwei Mal genannt habe, aus Mangel an Alternativen. Bestimmt eine Passage, die korrigiert werden muss; für sachdienliche Hinweise danke ich jedenfalls ergebenst.

(Update: Siehe Kommentare. Vielen Dank!)

Blick zurück

Von am 08 Jul 2012 | Kurze

Das israelische Staatsarchiv bringt seine Geschichte ins Netz (via), unter anderem diese Zusammenfassung des Derbys zwischen Hapoel und Maccabi Tel Aviv aus dem Jahr 1935:

Auffällig – neben dem beklagenswerten Platzzustand und dem offenbaren Unvermögen beider Mannschaften, damit zurechtzukommen – ist der Wandel in der Ästhetik der Zuschauerdarstellung. Als es noch außergewöhnlich war, im Stadion gefilmt zu werden, hat sich niemand über Gebühr dafür interessiert; jetzt, wo jeder eine Kamera in der Hose hat und man bei jedem Stadionbesuch dutzendfach festgehalten wird, feiert man das wie einen Autogewinn.

Das Auge isst man mit

Von am 05 Jul 2012 | Geht auf's Haus!

Es war eine Frage der Zeit, bis die Torlinientechnologie kommen würde. Der nächste Schritt bei der Trennung zwischen Fußball und Spitzenfußball, oder (wie man ihn wohl demnächst nennen können wird) Fernsehfußball. Das Regelwerk hat dem doppelten Druck, den das Medium aufgebaut hat, nicht standgehalten.

Das ist, denke ich, das wichtige an dieser Entscheidung. Natürlich wird man nun viel über Dedics Tor lesen, das nicht gegeben wurde trotz Torrichter, eine Szene, von der man jetzt erzählt, sie hätte “das Aus besiegelt”. Es könnten aber auch die spielerisch dann doch eher limitierten Außenspieler gewesen sein, aber gut, will man das diskutieren? Ich nicht.

Ich halte es für einen Trugschluß zu glauben, eine Torkamera würde mehr Gerechtigkeit produzieren. Den Fußball gerecht machen zu wollen gleicht dem Versuch, seinen Durst mit Cola zu löschen. Die Fülle strittiger Szenen, die so ein Spiel bereit hält, ist vielfältig. Es stimmt natürlich, dass es die meisten weniger stört, wenn ein Eckball unberechtigt ist, selbst wenn ihm ein Tor folgt. Das Gedächtnis ist kurz, und die Zuschauer weitreichenstarker Spiele sind oft fixiert auf das, was Kommentatoren “spielentscheidende Szenen” nennen. Aber es gibt derer so unglaublich viele! Man wird dieses Problem nicht technologisch lösen können; denn der Fußball an sich produziert keine Gerechtigkeit. Bleiben wir mal bei dem Ukraine-Beispiel: hätte man das Tor gegeben, wäre auch das eine Fehlentscheidung gewesen, denn ganz kurz davor stand einer – ich glaube, Milevski wars – im Abseits. So blieb es bei ausgleichender Ungerechtigkeit.

Hawk Eye soll einmalige Kosten von 250.000 bis 300.000 Euro verursachen; welcher Drittligist zahlt das denn aus der Portokasse? Ich bin gespannt, wo man die Grenze ziehen wird zwischen Fernsehfußball und Fußball; erste und zweite Liga? Wo ist die Trennlinie zwischen den Großen und dem Gekrepel? Und dann will ich mal sehen, wie man den ohnehin schon beinharten Bruch zwischen Profi- und mittlerem Amateurbereich gekittet haben will. Oder ob man sich davon (Stichwort Gelderverteilung) ohnehin endgültig verabschieden will.

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