NED – CHI 2:0

Von am 23 Jun 2014 | Cachaça

Ich kann schon verstehen, warum van Gaal sich vorher aufgeregt hat; wäre ich Brasilianer, ich würde deutlich lieber gegen Holland ran. Chile ist Kategorie „barfuß über Legosteine“, und was sie so unangenehm macht, ist, dass sie ganz genau wissen, was sie können, und was nicht. Spektakuläre Bälle sieht man da selten, Geniestreiche ohnehin nicht, aber man kommt einfach nicht hinterher. Und in der Defensive piesacken sie einen wie die Flöhe, diese Giftzwerge, das macht ganz sicher keinen Spaß, da kann man sich auch die Zehennägel ziehen.

Und dann sind die nicht nur schnell auf den Beinen, sonsern auch im Kopf. Die Niederlande macht die Mitte zu? Dann versuchen sie es über außen, und ist auch wurscht, ob die eigenen Stürmer neben den Verteidigern aussehen wie ein Wohnwagen vor dem Empire State Building, sie hauen die Bälle trotzdem hoch rein, irgendwann denken die anderen, das läuft jetzt immer so, und dan spielen wir eben einen Eckball flach rein. Die werden doof kucken, vor allem der Kuyt.

Hat dann aber nicht geklappt. Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis Holland ins Spiel gefunden hat und ein paar Zweikämpfe in der kritischen Zone gewinnen konnte. Ein Freistoß, ein Konter über Robben, es ist nicht so, als wäre Chile hinten fortwährend so sicher wie die Rente. Vorne versteiften sie sich ja dann auch auf die Taktik, den Ball in den Strafraum zu bringen und dann umzufallen.

Es ist auch das Verdienst der Niederländer, anfang der zweiten Hälfte die individuellen Qualitätsunterschiede bei den Chilenen aufzuzeigen, bei denen es mir bisher schwer gefallen wäre, eine Einzelkritik zu schreiben. So war es Sanchez, dem es zustand, den de facto-Ausfall von Aranguiz zu kompensieren.

Aber um ehrlich zu sein: recht viel passierte nicht. Man saß da und wartete auf Fehler, außer man war Spieler auf dem Feld, dann stand man da und wartete auf Fehler. Der dann ja auch kam, nach einem Stellungsfehler, als Leroy Fer blank stand. Ein Tor wie ein Erschöpfungssyndrom. Am Ende spielen die Niederländer noch sauber einen Konter zu Ende, und dann wars das.

(Sonderprops für Sanchez, der vor den Eckbällen seine Hosen immer nach oben zieht und dann immer aussieht wie ein Fähnlein Fieselschweif. Das ist mal keine kopierenswerte Geste vor einer Standardausführung.)

Eine Gala gegen Spanien, ein wirres und ein sehr solides Spiel reichen Holland für den Gruppensieg. Aber ich bleibe dabei, Chile spielen ist wie morgens den eigenen Mundgeruch riechen, sehr sehr unangenehm.

Zwischen den Zeilen

Von am 23 Jun 2014 | Brettgeflüster

Dieser Mann lässt gerne seine Muskeln spielen. Zieht nach einem Torerfolg sein Trikot aus, zeigt alles her, was er obenrum zu bieten hat, markiert den starken Mann. Ein bisschen Adonis, ein bisschen Schwarzenegger, das ist Cristiano Ronaldo, wie ihn die Welt sieht, wie sie ihn sehen soll.

Diesem Mann ist oft zum Heulen zumute. Weint nach einem verschossenen Elfmeter, nach einer verpassten Titelchance, nach einem Tritt gegen den Knöchel, einer gewonnenen Wahl oder bei einem Abschied. Seine Ausnahmekarriere ist eine von vorne bis hinten tränenreiche Geschichte, ein Fußball-Melodram. Man kann sich ausmalen, wie Ronaldo reagieren würde, wenn er beim Saisonhöhepunkt in Brasilien nicht seine Muskeln spielen lassen könnte.

(Thomas Klemm, FAZ)

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Die Haare perfekt gegelt, über der muskelbepackten Brust das enge T-Shirt, die Arme nach unten durchgedrückt, strahlt Cristiano Ronaldo eine unglaubliche Arroganz aus. Als er am Montag bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien mit Portugals Nationalmannschaft auf Deutschland traf, saßen viele deutsche Fans vor dem Fernseher und schimpften: auf den eitlen Pfau.

(Harald Czycholl, Welt)

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SUI – FRA 2:5

Von am 20 Jun 2014 | Cachaça

Die Aufstellung von Giroud hat sich ja direkt bezahlt gemacht; das kann nicht jeder, den Gegenspieler neun Minuten vor dem Abschluss ausschalten.

Es tut mir leid, das war geschmacklos. Fünfzehn Minuten lief das schweizer Spiel wie ein Uhrwerk, dann steckte Giroud einfach mal einen Stift rein, um zu kucken, ob es dann immer noch funktioniert: tat es nicht. Ein Standard als Dosenöffner, und Benzema, der zu biblischer Selbstlosigkeit heranwächst. Wahrscheinlich hat er schon zwölf Kinder gezeugt.

Frankreich hat eine Abgewichstheit, die man so von ihnen nicht sehr oft gesehen hat. Da wäre der Strafstoß, aber sprechender fand ich die Szene in der 29., als Shaqiri aufs Tor schießt und Lloris den Ball mit der Fingerspitze rauswischt; danach aber nicht jubelt, weil das ja keiner gesehen hat, und damit den Eckstoß verhindert.

Dass Cabaye dann den einfachsten Ball an die Latte semmelt, das gehört auch dazu. Eleganz geht immer mit Komik, das ist ein Leitsatz aus der französischen Literatur. Das Grandiose ist, dass Frankreich danach nicht in ein Phlegma gefallen ist, sondern weitergearbeitet hat, und weitergespielt (Benzema weiß das auch, als der Ball zurückprallt; das nimmt er gelassen hin, er zweifelt nicht, er weiß, das wird); mag sein, dass die beiden Türsteher bei den Schweizern hinten drin nicht gegen voyous ankommen, gegen Leute, die Idole einer Jugend sind, die über Zäune klettern sind, um doch mitmachen zu dürfen. Das ist das schöne an Frankreich: wannimmer sie erfolgreich sind, dann vor allem durch Kreativität.

(Man darf nicht vergessen, dass Kreativität eine Form der Aufsässigkeit ist. In dem Sinn ist dieses Spiel nicht das Gegenteil, sondern das Gegenstück zur WM 2010. Die Spieler, das sagte man selten, hatten recht, sich damals gegen Domenech zu stellen; schade war, dass der Putsch in der Öffentlichkeit stattfinden musste. Eine Analyse Frankreichs post-Sarkozy könnte oder müsste an diesem Moment ansetzen, es wäre jedenfalls ein lohnendes und schillerndes Momentum.)

(Und dann müsste man noch ein Porträt über Benzema schreiben, der spielt wie Klose in seinen besten Zeiten. Wie lang der Weg bis zu diesem Vergleich war! Aber ich kann mir Benzema inzwischen gut bei Lautern vorstellen, gleichermaßen selbstlos wie torgefährlich. Der schlaue Blick vor dem 0:5, kein Gamechanger, nicht gegen eine gute Verteidigung gemacht, aber mit, wie soll ich sagen, Herzlichkeit und Hirn gespielt – wer hätte das Benzema jemals zugetraut? Und ähnlich wie Klose ist sein signature move bei Großaufnahmen, sich an die Nase zu fassen.)

Dass die Mauer nicht hält, ist natürlich symptomatisch. Ich könnte jetzt einen Sermon darüber schreiben, wofür; aber das war zu schön, um jetzt zu lamentieren. Selbst für einen Franzosen. So viel Disziplin muss sein.

Frankreich ist natürlich keine große Mannschaft; jeden eigenen Einwurf schenken sie her, ihre Konter spielen sie oft nicht sauber zu Ende, sie haben noch nicht gegen eine Mannschaft gespielt, die besser mit dem Ball umgehen kann. Aber Spaß haben sie mir gemacht, das ist, was zählt.

Und die zwei Gegentore zum Schluß, vielleicht waren sie eben dafür da, weiterhin verschätzt zu werden.

Fünf Sätze zu Costa Rica

Von am 20 Jun 2014 | "Mach ma n Zettel", Cachaça

Eine Mannschaft, im besten Sinn, wie Mainz. Ein Leviathan, dessen Kopf auf einer Bank sitzt; plus die Überrascung der Europäer, dass jenseits des Atlantiks auch Fußball gespielt wird. In Deutschland würde man sagen, es wäre ein Sieg des Willens; es ist eher ein Sieg der tausend kleinen Schritte. Die machen sie, weil sie das Tor wollen, genauso wie sie in einen Zweikampf wollen: weil das Spaß macht, der Ball. Vor allem, wenn man danach weiß, was man damit anstellen will (Scheiben einschießen zum Beispiel).

(Jetzt: Frankreich. Mögen Hitzfelds Magenfalten Gletscherspalten werden.)

URU – ENG 2:1

Von am 19 Jun 2014 | Cachaça

Ich bin ein großer Fan des sinnlos athletischen Spiels mancher afrikanischer Mannschaft, letzte WM von Ghana, diese von der Elfenbeinküste, Nordkorea war auch so ein Fall gewesen. Ich sagte es bereits auf Twitter, bezüglich der Elfenbeinküste: Auch nach diesem Spiel habe ich keine Ahnung von Raumaufteilung und Spielsystem dieser Mannschaft, ich weiß nur: ich liebe es. Jeder Zweikampf ein verdammtes Abenteuer, geht irgendwas schief, explodiert an anderer Stelle irgendwas. Wie ein Actionfilm von Godard. Völlig egal, ob es Erfolg hat: Wenn ja, ist es wunderschön, wenn nein, sieht der Gegner aus wie ein verklemmter Spießer.

Bei Eingland erkenne ich Ansätze dieses Spiels, auch bei Frankreich; bei Brasilien und Argentinien in manchen Momenten. Der Hang zur Disziplinlosigkeit, das Vertrauen in den Mitspieler, nach einer eigenen verkackten Aktion würde er schon die richtige waghalsige Grätsche setzen, mithin die gegenteilige Spielanlage als jene von, sagen wir, Mannschaften mit Toni Kroos in der Mitte, das alles begeistert mich, weil es so schwer zu durchschauen ist. Jeder verlorene Zweikampf könnte der letzte sein, Fußball ist hier – mit vollem Einsatz gespielt – ein sehr ritterliches Spiel.

Vielleicht ist das ein Merkmal jener Mannschaften mit fünf bis sieben Spieler im Kader, die in der Liste der bedeutendsten Menschen über sich noch Jesus und Winston Churchill dulden. Wie so Prenzlberg-Klassen, in denen achtzig Prozent der Schüler irgendeine Hoch- oder Inselbegabung haben. Und die Eltern, das sind die Medien. Vielleicht ist der Misserfolg der Engländer ein Erziehungsmisserfolg der Sun. Und die Befriedigung am Scheitern solcher Mannschaften entsteht durch den Riss in der Erzählung von den Stars, weil der Boulevard seine Versprechungen nicht einlösen kann.

Wobei ich heute den Engländern alles Glück der Welt gewünscht habe. Der südamerikanische Fußball, der ja irrtümlicherweise oft mit Zauberei und Schuhplattlerei gleichgesetzt wird, hat seinen eigenen Reiz; aber mir würde es schwerfallen, auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher Chile, Uruguay, Ecuador und Kolumbien an mehr als nur Details zu unterscheiden. Ein wenig Irrsinn zwischen all der Disziplin, das schafft Abwechslung.

Obwohl Uruguay natürlich ein Zaubertor geschossen hat. Ein idealer Ball von Cavani, ein Laufweg von Suarez, den die englische Mannschaft für den Pfad der Verdammten gehalten muss; unbegehbar. Sie wurden eines besseren belehrt. Bei zwei gegen fünf müssen bei den Engländern im nächsten Training immer fünf in die Mitte.

Und im Gegensatz dazu dieses Gewöll von einem Spielzug, das England zum Ausgleich gebracht hat; Johnson fällt in den Ball, als wäre er versehentlich aus dem Bett auf ein Skateboard getreten; und dann kommt der Ball derart ideal zu Rooney, dass der nicht mehr ins Grübeln kommen kann.

Und das übrigens vor allem deswegen, weil Uruguay am Ende offenbar die Luft ausgegangen ist. Schien fast so, als spielten die auf halbe Lunge; dafür spielte England zu ihrem Glück ohne Hirn. Wie man einen Ball, der länger in der Luft ist als ein Flug von New York nach Paris, derart bescheuert unterlaufen kann, wie man als Torhüter sich dann derart schnell langmacht, wenn Suarez am Fünfereck auftaucht – es gibt zum Glück in der englischen Sprache sehr viele Schimpfworte, die als Antwort durchgehen könnten.

Sehr gut finde ich übrigens die Tendenz zu langen Nachspielzeiten, wenn Spieler schon ab der 30. Minute anfangen, auf dem Feld ein Zwischenschläfchen zu halten. Wenn ich mir noch was wünschen darf: eine konsequente Bestrafung taktischer Fouls wäre schön.

Eine gewisse Müdigkeit

Von am 16 Jun 2014 | Cachaça

Ich gebe es ungern zu, aber gestern ist es mir dann doch aufgegangen, während ich abends auf einer Dachterrasse saß und mich nicht recht auf das Spiel konzentrieren konnte; ich komm nicht so gut rein in die WM. Nicht so gut wie in frühere Turniere.

Ich weiß nicht, woran es liegt. Ist es, weil ich die brasilianischen Proteste auch in dieser Schärfe für legitim halte, und gleichzeitig stundenlang Fußball kucken kann, ohne dass auch nur eine Information dazu aus dem Fernseher tropft? Ist es, weil das Wissen um die Korruptheit der FIFA sich wie Schleim über das Spiel gelegt hat? Weiß ich inzwischen zu viel über die Spieler, um mich mit ihnen identifizieren zu können, muss ich zu viel Aufwand betreiben, um sie von ihrer Beiografie zu lösen, um sie nur noch als Zeichen, Metaphern und Allegorien sehen zu können?

Möglicherweise. Wobei mich nichts so sehr nervt wie die Rahmenberichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen. Stundenlang kann man vor dem Fernseher sitzen und keinen Ton zu den Protesten hören. Stattdessen diese ekelhafte Selbstgefälligkeit, diese Deutschtümelei; zum Beispiel im Vorfeld des Italienspiels. Was mag wohl der Grund gewesen sein, stundenlang über Immobile zu reden; obwohl der nicht spielen würde, was jedem klar war, obwohl der während der WM nur dann eine Rolle spielen würde, wenn ein Hai Balotelli mindestens ein Bein abbeißt.

Man könnte das ja machen, random interessante Typen jenseits ihrer Relevanz für das Spiel vorzustellen, aber das war ja gar nicht die Absicht. Immobile war deswegen wichtig, weil er Dortmunds neuer Star werden soll; und Dortmund, der zweite der Bundesliga, muss ja wohl einen Star einkaufen. Ein Star, der aber gar nicht spielt, und da stellt sich dann schon die Frage: Warum nicht? Wegen Balotelli, der der viel größere Star ist (um Qualität und taktische Erwägungen geht es da ohnehin nicht). Und da muss man irgendwie auch klar machen, warum Immobile der viel bessere Spieler und Mensch und Charakter ist als Balotelli, der ja nun völlig unverständlicherweise spielt (besonders schön die Aussage Elbers, die Fans hätten auch lieber Immobile); wobei jedem, wenn man das Spiel gesehen hat, völlig klar ist, warum Balotelli spielt. Und das – Wahnsinnsfrechheit – obwohl der nicht in der Bundesliga spielt.

Sowas macht mich ausgesprochen müde; ähnlich wie die Lobeshymnen auf Brych, als würde man sich hierzulande für Schiedsrichter interessieren, wenn sie keine Fehler machen. Aber es ist ja ein Deutscher, da macht so eine Analyse natürlich Sinn.

Das ist mir alles viel zu verkrampft, viel zu lusttötend, viel zu unwesentlich. Ich hätte gern die Unschuld zurück, die das Spiel für mich zu etwas besonderem macht; und diese Unschuld, an der fressen gerade FIFA und Berichterstatter. Eine Unschuld, die inzwischen nur noch in Werbespots zelebriert wird.

Ich werde die nächsten beiden Spieltage unter netten Menschen verbringen, weswegen es hier auch keine Spielberichte direkt nach Abpfiff geben wird; ich hoffe sehr, dass mich das kurieren kann.

ENG – ITA 1:2

Von am 15 Jun 2014 | Cachaça

Das verstehe ich nicht. Warum weigert sich England denn, in die Zweikämpfe zu gehen? Mal einen Schritt raus gehen und nicht bloß im Raum stehen wie eine dekorative Zimmerpflanze! Hat Hodgson ihnen denn keine videoaufzeichnung von Hastings gegeben, um den Spielern zu zeigen, wohin sowas führt?

Ich muss übrigens gestehen, ich bin großer Sturridge-Fan. Diese Art zu spielen hat etwas Unprätentiöses und Unschuldiges. Der rennt immer so lang geradeaus, bis irgendwann eine Wand kommt, anders kriegt er sich nicht mehr gestoppt. Man spürt, dass er mit dem Rückenmark denkt, wie selbstvergessene Kinder, wenn sie mit sich selbst spielen: Happ, zack, rumms, und jetzt! Diese naive Leichtigkeit, in Verbindung mit der enormen Energie; mich erinnert es immer daran, dass es Menschen geben muss, die das Leben einfach finden. Sturridge zuzusehen hat etwas davon, einen etwas zu flachen Film zu sehen, der einen aus unerfindlichen Gründen seelig macht (ehe man beginnt, darüber nachzudenken).

Bis jetzt haben wir ja schon viele schöne Tore sehen dürfen, natürlich blieb es Italien überlassen, da einen Gegentrend zu setzen: wie Barzagli in der 22. den Pass von Welbeck entzaubert, das war Poesie. Der Ball läuft recht schnell an ihm vorbei, in seinem Rücken steht Sturridge, er kann ihn fast nur aufs Tor klären, wenn er ihn zentral trifft, also was macht er? Er fährt mit der Schuhspitze darunter und hebt ihn leicht an; gerade so, dass Sturridge nicht mehr umdisponieren kann, und der Ball ins Seitenaus dröppelt. Man müsste ein gif daraus machen und es Marcelo ein Jahr lang auf sein Haus projezieren; vielleicht mach ich mir das als Bildschirmschoner.

England mit den besseren Chancen, sagt der Mann im Fernseher, ich weiß nicht; natürlich hätte ein Tor fallen können, bei den Schüssen aus der vierten Reihe, es werden schließlich auch Leute aus heiterem Himmel vom Blitz erschlagen. Bloß die Wahrscheinlichkeit ist eben nicht sehr hoch, dass daraus was wird, und wenn doch, dann für Italien. Andrea Pirlo mit einem veritablen Hütchenspielertrick, und kein Engländer hat verstanden, unter welchem Italiener die Kugel liegt; und als sie es wussten, wars schon zu spät. Da schnitt sich der Ball durch die Abwehr wie durch eine Sahnetorte.

Also England will anfangs nicht so recht in die Zweikämpfe, und Italien führt einsnull, um sich dann – auskontern zu lassen. Something something wtf. Bei dieser WM gilt nichts von dem, was zuvor galt, ich bräuchte einen Pivat-Galileo, der mir das alles mal auseinandersetzt.

Kaum hat man sich vom Wort am Sonntag erholt, wurde Italien humorlos; sahneweiche Flanke Candreva, und Balotelli im Fünfer. Wie ein Land, das Kirchen baut wie den Petersdom, seine Züge derart schnörkellos herunterspielen kann, keine Ahnung.

In der zweiten Hälfte spielte England dann im Grunde völlig ohne Außenverteidiger; ich glaube, für Baines war das beste am Tag, dass er sein Trikot richtigherum anhatte. Ab der 75. war dann eigentlich die Luft raus; für Pässe über drei Meter Länge hätte man schon ein Taxishuttle einsetzen müssen. Italien stand einfach da und wartete, bis es Zeit wurde, nach Hause zu gehen. Am Ende, in der Nachspielzeit, stand noch nicht einmal mehr ein Engländer im italienischen Strafraum; so wenig Kraft war da noch.

Nun denn, England, das wird wohl knapp werden.

PS: Elfenbeinküste gegen Japan werde ich mir an dieser Stelle klemmen; zu den Spiele morgen wirds erst übermorgen etwas zu lesen geben. Frankreich muss ich blutenden Herzens, unter lieben Menschen, die Taschentücher bereithalten für den Fall, dass alles so kommt, wie ich es erwarte; ein kleines wenig Hoffnung bleibt ja, denn bisher kam überhaupt nichts, wie ich es erwartet habe.

URG – CRC 1:3

Von am 14 Jun 2014 | Cachaça

Was in Brasilien jogo bonito heißt, wie man immer behauptet, dabei behauptet das vor allem Nike, und weiß Gott, die sorgen nicht dafür, dass das Spiel schöner wird, ganz im Gegenteil; das heißt in Uruguay wahrscheinlich zacapum; immer hübsch draufhalten, egal ob des Gegners Bein oder Ball in Reichweite sind. Jetzt, da Holland zur Kontermannschaft umfunktioniert wurde und stattdessen Deutschland wie von Klee gezeichnete Spielzüge zelebriert, jetzt da sich viele Mannschaften nicht mehr den Traditionen ihrer Vorgänger verpflichtet fühlen, hört ein kleines LAnd nicht auf, den Neuerungen Widerstand zu leisten: Uruguay ist seit ich denken kann eine Mannschaft von Tretern, Hauern und Stechern. Vielleicht haben sie sich dieses Jahr vorgenommen, ein wenig mehr fürs Auge zu bieten, und ihre Trikots bei 90° gewaschen. Nun bin ich recht gut im Bilde über die anatomischen Eigenheiten uruguayischer Profifußballer-Oberkörper. Im Grunde genommen spielt Uruguay in Miniröcken.

Die Taktik Uruguays war wohl einer eher unrühmlichen Schaffensphase Harald Schmidts entlehnt: so wie der eine Zeit stets nur dasaß und wartete, dass Pocher irgendwas idiotisches macht oder sagt, das ihn im Vergleich hervorragend aussehen lässt, so wartete auch Uruguay. Costa Rica tat ihnen recht schnell den Gefallen und ging mit Unnötigkeiten in Serie: der Freistoß war unnötig, der Stellungsfehler war unnötig, das Foul im Strafraum war unnötig, und ich saß vor dem Fernseher wie ich vor dem Radio sitze, wenn Unheilig läuft, fassungsloses Kopfschütteln und immer wieder die Frage auf den Lippen: Warum das denn nun?

Man hatte viele Gelegenheiten, sich zu wundern; technisch war das Spiel voller Unzulänglichkeiten, wie von GM hergestellt. Sympathischerweise ließ sich Costa Rica davon kein bisschen beeindrucken und versuchte weiterhin, Hübsches zusammenzudrechseln, wahnwitzigerweise mit Erfolg: ein Hackentrick, eine Flanke, viel Platz im Zentrum und dort dann Campbell, der die Faxen dicke hatte, schon stands einseins. Und kaum war ich fertig damit, mir die Augen zu reiben, fand ein Freistoß die sehr tieffliegende Stirn von Duarte; Uruguay hat bei Standards hinten ein Abwehrverhalten wie im Bällebad, trotzdem hacken sie dem Gegner auch in Strafraumnähe regelmäßig die Füße ab. Vorne stand Cavani und ernährte sich von Wildhonig und Heuschrecken.

Um ihn herum die Phalanx der Costaricaner, die ihre Konter recht oft mit Schüssen aus 300 Metern abschlossen; ein Pech für sie, dass der diesjährige Ball stabil im Flugverhalten ist, mit den Flatterbällen der letzten WMs hätte Muslera bestimmt einiges mehr an Gymnastikübungen vollführen müssen. So blieben ihm überraschende Wendungen erspart, und den Costaricanern hingegen einige Meter: ich war überrascht, dass sie in der 80sten im Durchschnitt nur 8,7 km gelaufen sind; das sind gut 2 km weniger als man erwarten dürfte. Die Hitze reißt Räume auf, besser als jedes Gegenpressing. Da ist immer viel Raum für viele schöne kleine Dinge; am Ende ist es wohl genau dieses Klima, das diese WM zur bisher besten, spektakulärsten und interessantesten meiner Zuschauerkarriere gehört.

Tapferes Costa Rica! Oh, die will ich dringend gegen Italien sehen.

COL – GRE 3:0

Von am 14 Jun 2014 | Cachaça

Ich hatte mir Strickzeug rausgelegt, und Bügelwäsche. Und ganz viele Haargummis, um mir Zöpfchen zu flechten. Oder was basteln! Ich wollte schon so lange wieder was basteln.

Man sieht, vom Spiel hab ich mir nicht viel versprochen; das würde wohl ähnlich unterhaltsam wie ein Kaffeekuchen-Nachmittag bei zwar netten, aber auch alten und nicht sehr weltgewandten Verwandten. Ich hab direkt den Geschmack von Flan im Mund, den gab es immer bei dieser Sorte Onkel und Tanten.

Und genau so wars dann ja auch, Kolumbien spielte exakt bis zum Tor, und danach konnte man den vergeblichen Bemühungen der Griechen zusehen, wie sie mit diesem seltsamen Ding, diese mit Luft gefüllt Schweinsblase, mit Schwerkraft und der Flexibilität der eigenen Kniegelenke umzugehen versuchten; das hatte schon etwas rührendes. Im Kontrast zu der kühlen, aber kraftvollen Eleganz Kolumbiens sahen Samaras und Holebas aus wie besoffene Fohlen. Mit einer Gemächlichkeit, die ans Entenfüttern gewahrte, verstolperten die Griechen vorne die Bälle. Vom Tempo her hatte das was von einer 3sat-Doku. Möglicherweise bin ich zwischendrin eingenickt.

Kolumbien macht das 2:0, unspektakulär wie Wurstbrot. Oh, aber es hätte noch spektakulär werden können, wäre Gekas der Ball ähnlich selbstverständlich von der Stirn getropft wäre wie der Schweiß, aber ach. Für Griechenland bleibt die Hoffnung, dass Fußball eine der ganz wenigen Sportarten ist, in der auch die erkennbar schlechtere Mannschaft gewinnen kann.

Und ganz am Ende macht Rodriguez, die Pappnase, meinen Tipp kaputt. Warum muss denn dem Cuadrado in der 93. Minute nochmal langweilig werden? Aber dafür hab ich jetzt die Zehennägel schön.

CHI – AUS 3:1

Von am 14 Jun 2014 | Cachaça

Ist Chile das diesjährige Italien? Es fehlt der Jubel, der charakteristische. Wie klug das Sanchez macht, den mit den Innenrist reinzuschieben, als hätte er in einer Sekunde erkannt, wie die 100 Leute auf der Linie stehen; sehr viele Leute hätten den Vollspann genommen und dann ein Stoßgebet zu Santa Maria; aber das war, weiß Gott, schlau. Intelligenz-Hornisse dafür!

Und Fleißbienchen fürs zweite Tor. Wobei das wahrscheinlich nicht ganz so schwierig war, das Akkordeon der australischen Viererkette zu einer misstönenden Triangel umzugestalten; man muss den überhaupt erstmal dermaßen zentral zentriert wagen, diesen Schuss. Den hält ja sonst jeder. Außer Ryan.

Ich würde jetzt gerne ein Wortspiel mit Saving Private Ryan machen, genauso wie ich gerne mit dem Namen Leckie spielen würde, der heißt wie meine liebste Hauptfigur in The Pacific. Es sind die Namen der Australier, die in mir Krieg assoziieren lassen, da können die gar nix für.

Und das Spiel auch ein bisschen, es hätte ein Scheibenschiessen werden können. Wenn ich die Augen zugemacht habe, war mir Australien die Inkarnation von Hinrundenbraunschweig. Bälle in die Spitze, so präzise wie Luftröhrenschnitte mit der Kugelschreibermine: geht schonmal gut, aber häufig eher nicht. Dass Cahill den Ball reinmachen darf, ist ein Abmahnungsgrund. Aber war das Nachlässigkeit oder Unvermögen? Ich würde nicht wetten wollen, würde aber sagen, Chile ist besser, wenn es den Ball flacher hält als sein Küstengebiet. Am besten, da sind wir wieder bei Italien, das Spiel insgesamt ist unteriridisch; dann taugt Chile am meisten. Wahrscheinlich unterschätzt man sie nach Vorrunden-Australien. Vorrundenaus-Tralien. Ich bin sehr unentschlossen, wie ich diesen bescheuerten Sprachwitz am günstigsten schreibe. Aber ich habe nicht die Zeit, mir darüber Gedanken zu machen.

(Is aber auch gemein, nach so einem Spiel wie Spanien – Niederlande überzeugen zu müssen. Ich erwarte mir von Chile allerdings, dass es insbesondere den Holländern Probleme machen wird.)

Völlig wahnsinnig, wie Chile sich das Spiel in der zweiten Hälfte abnehmen lässt. Wo genau ist Vidal, wo Vargas, wo Mena? Man hätte doch mehr Zeit als vor einem Kinofilm, die Australier halten den Ball doch länger als Jack sich am Bug der Titanic; kassenschlagerlang, aber will man das sehen? Pässe wie Witze aus Two and a half men, nicht lustig, nicht klug, nicht begeisternd oder verblüffend, sondern schlicht verstörend doof, aber effektiv. Kann, was es will, das wäre für den deutschen Onlinejournalismus bereits ein zu großer Anspruch; Australien passt der Anzug. Die machen mehr, als sie können. Das ist immerhin respektabel.

Bei Chile weiß ich nicht; vielleicht können die nicht, was Australien ihnen abverlangte. Ich erinnere mich, was einstmals der Bandname Element of crime in mir ausgelöst hat; ich habe nicht an Lieder über Erdbeereis gedacht. Inzwischen höre ich diese Enttäuschung, da keinen Hardcorepunk erwarten zu dürfen, beim Wort Geheimfavorit durch: aber ehrlich gesagt, man muss nicht dominieren, das ist ein spanisches Missverständnis, Einsatz reicht. Könnte schon sein, das hat man so nicht recht gesehen (aber in Stuttgart gegen den DFB hat sich das angedeutet), dass das eine Mannschaft voller Großkreutze ist; dann könnten sie noch wehtun.

Heut immerhin mir. Mal sehen, wer am Ende früher sagt, es sei ein beau séjour gewesen; auf jeden Fall nicht Poschmann, der ist Fremdsprachenaphasiker. Ist nicht schlimm, nix passiert. Nicht in diesem Spiel.

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