Die Pfosten von Saint-Étienne

Von am 06 Jun 2016 | Geht auf's Haus!

Kultur kommt nur von Verlierern und aus der Niederlage. Das produziert Kultur. Die Sieger haben noch nie Kultur produziert. (Heiner Müller)

Man mag es kaum glauben, aber Saint-Étienne hatte einmal eine große Mannschaft. Ende der 60er bis Ende der 70er waren sie das Sahnehäubchen auf dem bitteren Kaffee der Ligue 1. Michel Platini spielte da, Christian Lopez spielte da, Jacques Santini spielte da, Salif Keita spielte da. Und natürlich auch Johnny Rep, über den sie noch heute wunderbare Lieder singen.

Es werden auch hier einige wissen, dass Saint-Étienne es einst ins Landesmeisterpokalfinale geschafft hat, obwohl es bereits ein paar Jahre her ist: 1976 war das, und es ging gegen die Bayern. Das Finale fand in Glasgow statt, und in der 57. Minute kassierte Saint-Étienne den wahrscheinlich dämlichsten Eckballgegentreffer, seit es Eckballgegentreffer gibt. Es sollte das einzige Tor bleiben.

Und das alles nur wegen dieser vermaledeiten Pfosten. Es ist nämlich so: Saint-Étienne war durchaus sehr gefährlich, sie waren keineswegs die unterlegene Mannschaft. Sie schoßen mehrfach aufs Tor, und zweimal trafen sie die Latte.

Pech, ja.

Doppelt Pech natürlich, dass diese vermaledeiten Latte damals nicht rund wie heute, sondern eckig war, eckig wie das Gesicht von Klaus Kinski, eckig wie eine deutsche Schrebergartenhecke, scheißescheißeeckig eben.

Wären sie rund gewesen, wär der Ball nämlich ins Tor gesprungen. Ihr glaubt mir das nicht? Seht selbst:


Und hier der (kaum tendenziöse) Nachrichtenbeitrag:

Aber nein, die verfluchte Latte musste ja eckig sein. Und so verlor jene grandiose Mannschaft dieses Finale.

Man kann über französische Mannschaften viel schlechtes sagen, völlig zu recht, aber eines wird man anerkennen müssen: In der Niederlage beweisen sie oft Größe. Saint-Étienne wurde von tausenden Fans auf den Champs Elysées empfangen. Fußball, bis dahin eine Nischensportart, erlebte einen gewaltigen Hype, und vorneweg trieb es Saint-Étienne, den neuen Club der Nation. Tausende bekannten sich plötzlich dazu, Stéphanois zu sein, so heißen die Fans von Saint-Étienne. Der Club hätte das Bayern München Frankreichs werden können.

Aber nein. Aber nein. Stattdessen gewann Saint-Étienne noch hier und da einen Titel, bis Anfang der 80er gar nichts mehr ging, und man 1984 in die zweite Liga abstieg.

Seither haben sie gewonnen: einen Ligapokal. 2013.

Die eckige Latte – im Volksmund die eckigen Pfosten – sind ein Mythos. Es gibt Restaurants, die sich danach benannt haben, die größte Fanseite heißt poteaux-carrés, und es ist auch ein regionales Sprichwort geworden, für den Fall, dass wieder gar nix funktioniert, wie es sollte. Ein geläufiges Sprichwort, denn das gar nichts funktioniert wie es sollte, ist in Frankreich nicht gerade selten.

Es gibt sie natürlich trotzdem noch, die großen Momente der Vereinsgeschichte. Wichtiger als der Sieg im Ligapokal war ein Ereignis im gleichen Jahr, als das Vereinsmuseum beinah fertiggestellt war. Der AS Saint-Étienne hat die Pfosten gekauft. Die originalen, von damals.

Niederlagen feiern, als wären es Siege, und was einen niederzwang, mit Stolz tragen. Das ist eine Sorte Pathos, die rührend ist, hingegen Triumphe immer schal und schnöde sind. Ein Sieg ist eine gute Pointe, aber nur aus Niederlagen kann man Geschichten machen.

Zu Lebzeiten

Von am 26 Mai 2016 | An fremden Brettern

Gestern, in einer Kreuzberger Kneipe, wir saßen zusammen und schmiedeten Pläne, kam ein Strassenfegerverkäufer vorbei, ich sah ihn kaum an, er sagte, er sei gerade obdachlos und ob wir nicht… da unterbrach er sich und sagte zögernd „Fred?“ Ich sah ihn an und erkannte ihn immer noch nicht, er streifte sich seine Kapuze vom Kopf und sagte: „Weißte noch?“ Ja, da fiel es mir ein, ich wußte noch, verdammt, das war der N., aus einer meiner alten Kneipen, ich saß recht oft mit ihm am Tresen, schlau war er und hatte viel gelesen, wußte einiges über Hegel und Bruckner, Brahms auch, er liebte romantische Klaviermusik, von Fußball allerdings hatte er fürwahr überhaupt keine Ahnung; ich hatte mich schon hin und wieder gefragt, wie es ihm geht, und jetzt sah ich es: nicht gut. Heroin, wahrscheinlich, das war schon damals das Problem, das hat ihn Beziehung und Job gekostet, jetzt, sagte er, sei er wohnungslos, aber es ginge wieder aufwärts, sagte er, ich hätte das wirklich gern geglaubt. Ich gab ihm 20 Euro, und ich weiß nicht, war das eine nette Geste oder eine ungeduldige, wie ein Wedeln mit der Hand, es war schiere Hilflosigkeit, ich habe keine Ahnung, was man da macht. Hab ich ihm geholfen oder seinen Untergang beschleunigt, ich bin nicht in der Position zu helfen, man verachtet die Schwachen ja doch auch deswegen, weil man selbst vor ihnen so hilflos ist, weil sie einem die eigene Machtlosigkeit spiegeln, die eigene Vergänglichkeit auch, ich sah ihn und dachte: so wird mich auch einmal wer ansehen, bald schon, und es gibt nichts, gar nichts, was ich dagegen tun kann.

Zum Abschied klopfte ich ihm auf die knochendürre Schulter und wußte nicht was sagen, da sagte er – er! – Das wird schon alles wieder. Okay, sagte ich, okay. Viel Glück, sagte ich, und er: Bis dann.

Trinken gehen (Auszug)

Von am 13 Apr 2016 | An fremden Brettern

Es gibt lange Zeit kein Lachen in der westeuropäischen Malerei, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht. Die Kunst ist bis dahin eine sehr ernsthafte Angelegenheit. Kaum einmal, dass Cupido maliziös lächelnd über die Schulter schielt oder die Mona Lisa dösig zum Betrachter hinübergrient. Es existieren einige seltene Ausnahmen, häufig sind es Faune, Hofnarren oder Liebesgötter, die sich immerhin zu einem herzhaften Glucksen hinreißen lassen.

Warum das Lachen in der westlichen Kunst kaum stattfindet, könnte mehrere Gründe haben: Zum einen ist es sehr schwer abzubilden, wie man bei der Betrachtung der Bamberger Domfassade sehen kann. Dort lacht sowohl die Gruppe der Erlösten als auch die Gruppe der Verdammten, aber beide tragen fratzen- bzw. karrikaturhafte Mienen zur Schau; ähnlich wie rennende Pferde konnte das Lachen erst mit dem Beginn der Fotografie bildlich entschlüsselt und reproduziert werden. Erschwerend hinzu kam, dass das Lachen im Christentum als schlecht galt: In der Bibel wird kaum gelacht, das frühe Mittelalter zählt das Lachen sogar zu den Lastern, entsprechend gilt in Wolfram von Eschenbachs Parzival der Verzicht auf das Lachen als königliche Tugend.

Aber es gibt auch eine andere Welt, sie tut sich in der niederländischen Wirtshausmalerei ab dem 15. Jahrhundert auf, der eine Art perspektivisches Lachen zugrundeliegt. In diesen Bildern geht es zu wie, nun ja, auf einem Volksfest. Da wird sich geprügelt und mit dem Messer gestochen, Karten gespielt und über Bänke gefallen, und überall stehen Bierkrüge und Weingläser und Karaffen voller Alkohol. Der Anthropologe Donald E. Brown hat in seiner Liste der menschlichen Universalien als wesentliche Bestandteile der Kultur Musik, Konfliktlösungsstrategien, Sprache, Spiel und „stimmungs- oder bewusstseinsverändernde Techniken und Substanzen“ aufgeführt – ein Portfolio, das sich auch in diesen Bildern findet, ganz besonders bei Frans Hals. Dessen liebevoller Blick auf seine Figuren, er kommt mir ohne Alkohol ganz unmöglich vor.

(Aus: Trinken gehen.)

Weiter

Von am 06 Apr 2016 | Geht auf's Haus!

Ich weiß nicht, was passiert ist. Oder wann. Irgendwann ist es passiert, und ich wurde müde. Müde vom Fußballzirkus, müde von den immergleichen Berichten auf den Sportseiten, müde von der Selbstherrlichkeit der Funktionäre, der Spieler, der Journalisten. Irgendwann habe ich mich nicht mehr aufgeregt, sondern dachte nur noch: Was solls.

Die Euroliga. Sollen sie machen, meinetwegen. Ich bin raus. Möglicherweise bin ich ein Romantiker und Nostalgiker, aber mir gehen diese Übungen in Kapitalismus auf die Nerven. Meine Emotionen sind mir zu wichtig, um ständig manipuliert zu werden. Ich will nicht mit „Highlights“ zugeschissen werden, die sich irgendwelche Idioten in Anzügen ausdenken, um Geld zu generieren und ihre Vormachtstellung zu zementieren. Ich will, dass meine Begeisterung für irgendwen oder irgendwas unschuldig bleibt, uninstrumentalisiert.

Die Unaufrichtigkeit, die Prinzipienlosigkeit, dieser ganze Egoismus und Eigennutz, das nervt mich. Da will ich nicht mit zusehen müssen, wie sich so ein Geck wie Hellmann Woche für Woche aufplustert. An die ganzen Sky-Nasen kommt nix ran, die merken noch nicht mal, was für idiotische Scheiße sie produzieren. Die schauen auf irgendwelche Zahlen und sagen dann: Läuft doch alles prima. Den Beckenbauer nehmen wir als Experten, den mögen die Leute. Eigentlich hat der bloß deswegen nen Mund, um sich da seinen Weißwein reinzuschütten. Rauskommen sollte da nach Möglichkeit nix. Aber was solls, die Leute fressen Scheiße, also geben wir sie ihnen.

Ja, das hat mich alles mürbe gemacht. Ich bin ein simpler Tümpel: man kann natürlich fortwährend Kacke in mich hineinschütten, aber irgendwann kippe ich halt um. Dann sind alle Fische tot. Jetzt muss ich mich erstmal klären lassen.

Das alles um zu sagen: Hier gehts ab heute weiter, einerseits. Um Fußball wird es sich aber nicht mehr ausschließlich drehen. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Einlaufkinder #15

Von am 18 Dez 2015 | Einlaufkinder

Einlaufkinder awakening. Ein kurzer Rückblick auf die Bundesliga-Hinrunde und Freds Jugend. Nico hält ihm dabei die Hand.

[Wir mussten die alten Folgen auf Soundcloud löschen, weil unser Minutenkontingent erschöpft war (Mehr als 3 Nicht-EU-Podcasts). Auf iTunes gibt’s die alten Folgen noch und wenn die Rohre noch halten, kommt diese neue Folge irgendwann bei iTunes an.]

Pepe

Von am 25 Aug 2015 | Einlaufkinder

Ich habe einen Großvater adoptiert.

Das war keine überlegte Entscheidung, sondern völlig spontan. Da ich bisweilen (vor allem wegen meines Hangs, Fußballspiele in Kneipen zu sehen) in Lokalitäten zweifelhaften Rufs verkehre, bleiben mir hin und wieder Gespräche über Migration und Flüchtlingspolitik nicht erspart; und was soll ich sagen, sie verlaufen selten erfreulich. Fremdenfeindliche Ressentiments, Empathielosigkeit, bisweilen offener Rassismus – aus solchen Auseinandersetzungen kommt man oft genug raus mit der Überzeugung, es sei ein Wunder, dass es keine rechtspopulistische Partei jenseits von 20 Prozent in Deutschland gibt.

Ich bin in diesen Gesprächen immer wieder verzweifelt: an der Faktenresistenz, an der Betonhärte der Phrasen, an der Unmöglichkeit, in einen Dialog zu gelangen; es war immer, immer, immer so, als würde ich mit einem Radio sprechen.

Was sich obendrein als völlig sinnlos erwiesen hat: den Hintergrund der Parolen zu benennen. Der Hinweis, dieser oder jener Satz sei reiner Rassismus, wird viel zu oft mit Achselzucken beantwortet. Ja, mein Gott, dann war das halt rassistisch, stimmen tuts trotzdem.

Bis ich neulich, bei einem Gespräch über Ausländerkriminalität am Nachbartisch, nicht lange nachdachte und einfach fragte: Meinste mich? Das war mir so rausgerutscht, und ich war wahrscheinlich genauso überrascht wie die Leute neben mir. Woher ich denn käme, fragte mich der Wortführer, da sagte ich, ich hätte einen algerischen Großvater. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin; vielleicht hat mit eine Rolle gespielt, dass ich vor kurzem gehört habe, eine meiner Urgroßmütter sei eine rumänische Sinti gewesen, und mir das aber als authentifizierende Herleitung zu lang vorkam.

Der Effekt war interessant: Gezwungen, nicht mehr eine undefinierte Masse an Leuten zu verdammen, sondern ein konkretes Wesen anzugehen, schämten sich die Leute tatsächlich und kamen schnell auf ein anderes Gesprächsthema. (Autos, glaube ich.)

Leute zu überzeugen, die offen rassistische Ressentiments äußern, hab ich aufgegeben; es geht nur noch um den Kampf der Öffentlichkeit. Ziel muss sein, solche Äußerungen zurückzudrängen, nicht, die Leute zu besseren Menschen zu erziehen. Und wenn es hilft, dafür einen Großvater zu adoptieren, dann ist das doch ein willkommener Familienzuwachs.

(Wiedervorlage. Original am 26. Mai auf FB gepostet)

„Unglaubliche Bilder“

Von am 11 Aug 2015 | Schlägerei

Lucien Favre sah entspannt aus. Als würde er am Tresen einer Strandbar stehen und einen alkoholfreien Cocktail trinken, so stand er im ARD-Studio und plauderte mit den Anwesenden. Neben ihm Ewald Lienen, der mit der Brille aussieht, als würde er Modelleisenbahnen sammeln, machte einen gelösten Eindruck; ja gut, man habe halt verloren, aber gegen Gladbach, man wird halt auch nass wenn man ins Meer steigt.

Dann nahm Alexander Bommes die Intonation aus seiner Stimme und sagte, Blick in die Kamera, grabesschwer: schlimme Dinge hätten sich in Osnabrück abgespielt, das Spiel habe abgebrochen werden müssen. Im Hintergrund ein Moment echter Emotion: Man sieht, wie Favre erschrickt, die Augenbrauen hochzieht, sich fragend umsieht und betroffen auf eine Antwort wartet. Daneben steht, der offenbar schon besser informiert ist, Ewald Lienen, der Favre zwei drei Worte sagt und eine wegwerfende Handbewegung macht: naja, die machen gerade wieder ein Fass auf, Du weißt doch, wo Du hier bist. Im Sportjournalismus.

Ich verrate hier mal, was eh schon alle wissen: Ein Feuerzeug hat den Schiedsrichter am Kopf getroffen. Darauf hat der die Partie abgebrochen.

Dann Schnitt auf die Zusammenfassung des Spiels. Es ist interessant, wie die Sportschau das Ereignis zelebriert. Es fängt damit an, dass einem keiner sagt, was passiert, es wird fortwährend nur gemunkelt. „Ein schwarzer, skandalöser Tag“ sei das, und die Fans wissen auch noch nicht, „was ihnen bevorsteht“.

Fantastisch, wie subtil das ist: denn natürlich wissen die Fans nicht, was ihnen bevorsteht, das ist ja der ganze Witz an dieser Sache „Fußballspiel“. Aber indem er nochmal betont, dass nun etwas Unvorhergesehenes passiert, dreht er nochmal am Spannungsregler: selbst für ein Fußballspiel ist das also unvorhersehbar.

Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob der Kommentator weiß, was er so von sich gibt; nach dem Tor stellt er fest, dass schon jetzt das Stadion droht, aus allen Nähten zu platzen; aber warum? Ist es denn tatsächlich überfüllt? Machen die Glücksgefühle die Fans ein Stückchen fetter? Oder wollte er schlicht sagen, dass, Phrasendeutsch, die Emotionen hochkochen, das Stadion bebt, die Stimmung am Siedepunkt ist, also dass sich da ein paar Leute ziemlich dolle freuen?

Aber gut, es liegt vielleicht daran, dass der Mann selbst ein bißchen aufgeregt ist. Schließlich ist unfassbares passiert: die Fangnetze sind eingebrochen, direkt nach dem Tor. Ich weiß nicht, ich glaube, wenn man mich da nicht drauf hingewiesen hätte, hätte ich das gar nicht mitgeschnitten, weil meine ganze Aufmerksamkeit Savran galt – wie jene des Kommentators übrigens. Jetzt aber, als er nochmal darauf hinweist, was da in der Bildperipherie vor sich geht, findet er, das seien „unglaubliche Bilder“, sowas habe er noch nie gesehen.

Mal ganz davon ab, das natürlich jeder, der mehr als zehn Stunden Fußball geschaut hat, „solche Bilder“ schonmal gesehen hat: Das nenne ich mal eine Text-Bild-Schere. Man muss das Material zweimal einspielen, extra darauf hinweisen, was passiert, und dazu sagen, es sei etwas noch nie dagewesenes; ansonsten hätte ich vermutlich nur dagesessen und gedacht: aha, die Fangnetze. Sowas aber auch.

Dann hat sich’s erstmal mit dem Sensationsgehupe. Dafür, das gleich irgendwann unglaubliches passieren soll, läuft die Moderation erstaunlich locker runter: hier mal ein paar Details zu Forsberg und Menga, da mal eine Aufnahme von Lieberknecht als kleiner Ausblick auf das, was die kommende Woche so bringen wird für RB Leipzig.

Was mich dann aber bass erstaunt zurücklässt: Die Vorkommnisse der 70. Minute werden einfach sauber runterkommentiert. Keine Polemik, keine Dramatisierung, kein apokalyptisches Geschrei. Es geht soweit, dass Parallelen gezogen werden zu anderen Spielen; klar, einigermaßen sinnloses Faktenaneinanderreihen, aber nicht bösartig oder tendenziös. Keine Kollektivverurteilung, keine Forderung weitreichender Konsequenzen, bloß am Ende nochmal der – ich bilde mir ein: verschämte – Hinweis, das sei „ein schwarzer Tag für den deutschen Fußball“ gewesen.

Den man aber mit Sicherheit übermorgen wieder vergessen hat; das schönste Bild an diesem Abend war dann die Rückschalte ins Studio. Da standen nur noch Bommes und Scholl. Ich hätte gern gewusst, wann der perplexe Favre und der abgebrühte Lienen den ganzen Zirkus verlassen haben. Ich vermute mal, nachdem ihnen in zwei drei kurzen Sätzen mitgeteilt worden ist, was weiter oben steht: Ein Feuerzeug hat den Schiedsrichter am Kopf getroffen. Darauf hat der die Partie abgebrochen.

Es gibt einen Begriff dafür, wenn jemand eine Aktion überinszeniert, um ein paar Minuten zu schinden: Zeitspiel. Das ist genau das, was die Sportschau gestern gemacht hat. Freilich, das ist nicht dramatisch, nur eine kleine unsportlichkeit. Was das aber mit Zuschauern macht, die die Sportschau beim Wort nehmen, das hat man Favre gestern quasi live angesehen.

Wie Platini ein Mann wurde

Von am 30 Jul 2015 | Schlägerei

Platini alors. Ich will da gar nicht weiter mitspekulieren. Ich will nur eine kleine Geschichte erzählen. Die geht so:

Es ist der 29. Mai 1985, das Finale des Europapokals der Landesmeister, Juventus Turin gegen den FC Liverpool. Sich heute das Spiel anzusehen – aktuell ist ein Mitschnitt mit englischem Kommentar auf youtube – ist ein surreales Erlebnis. Nach einem Blocksturm Liverpooler Hooligans brach eine Massenpanik aus, 39 Menschen wurden getötet, 454 verletzt.

Schaut man sich heute die Übertragung an, man würde nicht drauf kommen, wenn mans nicht wüsste. Am Anfang sieht man zwar einen verwüsteten Block mit vollarmierten Polizisten davor, nach denen ein zwei Juve-Fans Steine werfen; und man sieht auch am oberen Spielfeldrand die Reihe schwarzgekleideter Sicherheitsleute, eng bei eng, die das Wesentliche – das Spiel – von der Fassade – die Menschen im Stadion – trennen. Aber nichts weist darauf hin, dass hier vor wenigen Minuten eine der größten Tragödien des europäischen Fußballs stattgefunden hat; sogar die Zuschauer, die übriggebliebenen, hört man im Hintergrund immer wieder rufen und singen. Der Kommentator sagt sinngemäß, es sei eine Qualität des Fußballs, uns wenigstens für die nächsten anderthalb Stunden vergessen zu lassen, was sich vor dem Spiel für Szenen abgespielt hätten.

Dann, die 56. Minute: Platini schickt nach einem abgefangenen Angriff Boniek, der sich gegen zwei vor den Stafraum wurschtelt und dort hinfällt. Der Schiedsrichter pfeift und gibt Elfmeter, niemand protestiert, heute wäre bei so einer Fehleinschätzung jeder zweite Profitrainer aus dem Stadion gerannt und hätte eigenhändig drei oder vier Autos angezündet. Boniek aber freut sich, ballt die Hand zur Faust und sieht erwartungsvoll Platini entgegen, der das Ding jetzt schaukeln soll.

Und das tut er auch. Links unten, nicht sehr platziert, aber den Torhüter verladen, einsnull; und dann läuft er los, hopst ein bisschen, reißt zweimal die rechte Faust hoch und kuckt kurz in die Kurve, dann wird er von seinen Mitspielern begraben. Man hört im Hintergrund leicht den Ton hochgehen.

Einige Monate später wird Platini Marguerite Duras sagen, er sei an jenem Abend zum Mann geworden. In einem Interview 1986 erklärt er, die Spieler hätten vom Blocksturm gewusst, aber er habe keine Sekunde an die Toten gedacht. Warum nicht, fragt der Reporter, und Platini:

„Das müssten Sie einen Psychiater fragen.“

Alles verkehrt

Von am 21 Jul 2015 | Schlägerei

Ich habe mal eine Zeit lang in einer SHT-Abteilung gearbeitet. SHT heißt Schädel-Hirn-Trauma, also alle Sorten Hirnverletzungen, seis durch äußere Gewalt, Aneurysmen, Schlaganfälle. So vielfältig die Verletzungen, so unterschiedlich auch die Störungsbilder: Verlust der Sprachfähigkeit, Halbseitenlähmung, charakterliche Beeinträchtigungen.

Es war eine Station mit 40 Betten, und unter diesen 40 Leuten waren nicht zwei, die sich ähnelten, auch wenn sie auf dem Papier die gleichen Störungsbilder hatten. Und es gab auch die unterschiedlichsten Reaktionen auf die Beeinträchtigung, einige waren okay mit der neuen Situation und fanden sich zurecht, zwei waren sogar dankbar – einer ein kroatischer Nazihool, der zuvor Ausländer mit Eisenstangen durch die Stadt gejagt hatte und nach einem Sturz vom Balkon zu Gott gefunden hatte, ein anderer Heroinabhängiger, der bei einer Massenschlägerei auf dem Oktoberfest einen Bierkrug auf den Kopf bekommen hatte und seine Entgiftung im Koma durchgemacht hatte, und der ohne die Einblutung ins Hirn bestimmt längst tot gewesen wäre.

Es gab aber auch einige, die in schwärzeste Depression verfielen, die manchmal länger, manchmal kürzer dauerte. Und auch wenn man nach Aktendurchsicht nicht sagen konnte, wie welche Person mit der Beeinträchtigung umging, so gab es ein paar (sicher nicht repräsentative) Häufungen, die uns auffielen: Zum Beispiel, dass Leute, die ein höheres Ansehen genossen haben vor dem Vorfall, schlechter mit den Folgen umgehen konnten. Und auch, dass Leute, die in intellektuellen Berufen gearbeitet haben, nicht so gut mit den Einschränkungen klar kamen wie beispielsweise Handwerker.

Das konnte mal so und mal so lange dauern, häufiger dauerte es lange, sehr lange, weil die Umstände, in denen die Depression stattfand, ehrlich gesagt sehr deprimierend waren. Man wird abgeschoben in irgendeine dieser Einrichtungen, wo sich nur ganz selten mal einer um einen kümmern kommt, man muss umgehen lernen mit einem Körper, der sich nicht mehr wie der eigene anfühlt, der Alltag wird mühsamer, vieles von dem, was man sich für das eigene Leben noch vorgestellt hat, ist nunmehr Schall und Rauch, und die eigene soziale Stellung ist schlagartig dahin. Das ist alles wahnsinnig schwierig, sehr schmerzhaft, und es erfordert eine Menge Kraft, das alles zu meistern.

Warum ich das schreibe, ist dieses Interview.

An diesem Interview ist alles falsch.

Es beginnt damit, dass Jutta Pagel-Steidl Monika Lierhaus nicht zuhört. Sie hat nicht gesagt: So ein Leben ist nicht lebenswert. Sie hat gesagt: Ich würde das nicht nochmal auf mich nehmen, was ich da auf mich genommen habe. Das wäre doch ein produktiver Ansatz gewesen, um da einzuhaken: Warum nicht? Was hätte besser laufen können, was besser laufen müssen? Aber statt eine Diskussion über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Behinderung aufzumachen, haben wir jetzt eine Lierhaus-Debatte.

Es ist natürlich besonders albern, wenn Ilja Seifert einerseits sagt, es spiele keine Rolle, ob Monika Lierhaus ehrlich war; schließlich ist nicht wichtig, was sie gesagt hat, sondern was es bedeutet. Dadurch wischt er mit einer Handbewegung weg, was Lierhaus zum Ausdruck bringen wollte. Zwei Fragen später sagt Pagel-Steidl dann: „Auch wer sich nur durch Lautsprache verständlich machen kann, hat etwas zu sagen.“ Ja, wat denn nu? Darf man sich öffentlich nicht äußern, wenn man leidet? Hat Leid privat zu bleiben? Wollen wir nur noch Heititei-Geschichten über Behinderung, Krankheit, Einschränkung hören?

Als besonders übel empfinde ich diese paar Zeilen von Pagel-Steidl:

Für mich belegen Frau Lierhaus‘ Aussagen, dass sie ihre jetzige Lebenssituation nicht annimmt, sondern einem immerwährenden Vorher-Nachher-Vergleich unterwirft. Das ist nach einem solchen Einschnitt wie bei ihr normal. Aber nach fünf Jahren sollte diese Sichtweise nicht mehr dominieren. Zumal es ihr im Vergleich zu anderen Behinderten sehr gut geht. Sie ist ja immer noch eine fähige, attraktive Frau und Journalistin. Wenn sie nicht vor der Kamera stehen kann, dann soll sie eben schreiben.

Was für eine sagenhafte Frechheit. Per Ferndiagnose anzuerkennen, dass es Lierhaus scheiße geht, um dann direkt hinterherzuschieben: Aber hey, selber schuld irgendwie. Andere habens schwerer. Die Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen in Baden-Württemberg, die Pagel-Steidl ist, betreibt quasi aktiv Behindertendesolidarisierung.

Das ganze endet damit, dass Monika Lierhaus somehow plötzlich trotzdem Repräsentantin für alle Behinderten sein soll – wie sonst käme man denn dazu, sie mit Wolfgang Schäuble zu vergleichen? Was teilt Monika Lierhaus mit Wolfgang Schäuble außer einem Adjektiv, dass man ihr anpappt? Das ist genau diese Art, Behinderte gegeneinander auszuspielen, die die Persönlichkeit und den Weg, den diese Persönlichkeit hinter sich gebracht hat, mirnichtsdirnichts auf ein Schlagwort zusammendampft: behindert. Als wären alle Behinderte gleich.

via ix sein Facebook

Schneekönigin Kuka findet deutlichere Worte

PS: Ein Teil der Erfahrungen in der SHT-Abteilung sind in die erste Geschichte in diesem Buch eingeflossen.

In drei Wochen geht die Bundesliga los

Von am 14 Jul 2014 | Cachaça

So ungefähr hat es gestern hier ausgesehen:

Herzlichen Glückwunsch an alle, die sich freuen. Vielen Dank für die geschätzte Aufmerksamkeit.

« Neuere Artikel - Ältere Artikel