The idiots guide to the Finale

Von am 10 Jul 2016 | Geht auf's Haus!

Was ist ein Optimist? Ich habe keine verdammte Ahnung. Ich könnte jetzt einen lustigen Satz aufsagen, irgendwas daherplappern. Tatsächlich aber weiß ich es schlicht nicht. Ich bin nämlich keiner. Ich kann mich auch in keinen reindenken. Ich bin unfähig, die Gedankenwelt eines Optimisten zu erfassen.

Ich kann mir alles vorstellen. Und gerade mit dieser französischen Mannschaft. Es ist, als hätten sie den richtigen Göttern geopfert; als wären sie gesalbt worden; als hätte irgendwer seine segnende Hand auf sie gelegt.

Es begann direkt im Eröffnungsspiel, mit diesem Tor von Payet, diesem Tor, von dem er sicherlich seit Kindheitstagen geträumt hat. Es ging weiter gegen Albanien, als man in letzter Minute ein nicht sonderlich überzeugendes Spiel nochmal umbog. Im Achtelfinale das Spiel gegen Irland, als man nach einer sehr schwergängigen Stunde in keiner Zeit einen Doppelschlag ansetzte, ein Wunder eigentlich bei der bisherigen Chancenverwertung der französischen Mannschaft. Und dann gegen Island, wieder zwei Doppelschläge, und vor allem: das Tor zum 5:1, das den aufopferungsvoll nach vorne spielenden Isländern endgültig – hier darf man das eigentlich erst recht nicht sagen, aber was solls – den Wind aus den Segeln nahm. Schlußendlich die Führung gegen Deutschland, keineswegs zu einem psychologisch, wohl aber zu einem strategisch wichtigen Zeitpunkt, gerade auch deswegen, weil der deutschen Mannschaft am Ende ein wenig die Kraft ausging.

Die französische Mannschaft ist deswegen unberechenbar, weil ihr Dinge dann gelingen, wenn sie dringend gelingen müssen; aber hält dieses Glück in einem Endspiel? Gegen derart gut organisierte Portugiesen?

Warum ich glaube, dass es gelingen kann, ist die schiere Körperlichkeit im Mittelfeld. Renato Sanchez ist ein zauberhafter Fußballer mit ausgezeichneter Ballkontrolle, aber wenn Pogba auf einen zurennt, sucht man sich dann doch mal schnell einen Platz zum Unterstellen.

Ich hoffe, dieses Spiel wird im Mittelfeld entschieden, nicht über Konter. Nicht über Standards. Sollte dem so sein, bin ich vorläufig optmistisch.

Jedenfalls, was das Sportliche anbelangt.

I’m fucking sorry, Olivier Giroud

Von am 08 Jul 2016 | An fremden Brettern

Das Schöne am Schreiben ist, dass man sich irren kann. Dass man falsch liegt, mit seinen Behauptungen, Ideen, Ansichten. Das man, indem man in die Tasten, danebengreift.

Das ist das Schöne (und auch das furchtbare) am Schreiben. Deswegen hört es von selbst, einmal angefangen, nie auf.

Das waren, als Einstieg, angemessen pathetische Worte; ein Luftholen, eine Art freilich auch, mich in Szene zu setzen und zu entschulden. Ein Verzögern. Eine Finte.

Was solls, es muss ohnehin irgendwann raus, also denn:

Sorry, Olivier Giroud. Es tut mir leid, ich lag falsch, und Du warst richtig. Da, wo Du warst.

Es gibt jene Spieler, die im Training aussehen wie ein Storch beim Stepptanz. Technik wie ne Legokanone. Nutzwert geschätzt Hund auf Trüffelsuche.

Und aber dann, im Spiel. Mit jedem Zweikampf wachsen sie einen halben Zentimeter, bis sie drei Meter groß sind und viereinhalb breit. Mit jeder Schmähung werden sie selbstbewusster, bis sie rauchend in einem Rollstuhl sitzend Sandra Maischberger die Welt erklären. Mit jeder kleinen Demütigung, die ihnen der Ball zufügt, weil er ihnen beim vorsichtigsten Kontakt verspringt, wächst ihr Wille, ihn zu zwingen.

Giroud ist einer von ihnen. Mit jeder ungelenken Drehung seines für Drehungen nicht vorgesehenen Körpers sagt er: Und er bewegt sich doch. Er ist zuvorderst selbstlos, nicht im Sinne eines Altruisten, sondern in einem bedingungslosen Sinn: er lebt im Moment. Er tut, was nötig ist, und mehr! um diesen Moment zu seinem zu machen. Seine Welt ist eine als Wille und Anstrengung gemachte. Vor allem aber: selbst gemachte.

Das hat nicht viel Poesie, vielleicht kann ich darum so wenig damit anfangen. Es ist etwas vorwurfsvolles darin, oder anders: ich sehe etwas vorwurfsvolles darin. Das ist wohl einer dieser Irrtümer, von denen ich mich zu lösen habe: Giroud ist kein role model. Sondern im Mosaik dieser Mannschaft derjenige, der der die Steine in Bewegung bringt. Bloß weil er nicht glänzt, heißt das ja nicht, dass es ihn nicht braucht.

Jedenfalls: Sorry. Ich werde mir ein Beispiel nehmen und das nächste mal besser schimpfen.

The idiots guide to the finals

Von am 06 Jul 2016 | An fremden Brettern

Portugal – Wales 5:6 n.E.

Ist das eine Schande. Eine markerschütternde Ungerechtigkeit von unendlicher Traurigkeit. Aaron Ramsey, das Quantenteilchen im walisischen Spiel, darf heute nicht auflaufen. Ich glaube nicht, dass man seine Bedeutung für Wales unterschätzen kann, außer man lässt sich von den ganzen Hochglanzpostillen blenden und schreibt tausende Zeichen über Bales voll.

Es ist ein bisschen das Duell Captain America gegen Ironman: Das biedere, ein wenig langweilige, sture und selbstgerechte Portugal gegen das überraschend sassyge, impulsive und gewitzte Wales. Ich mag das kaum glauben, dass ich Team Captain America bin; mich beeindruckt, wie Santos das geschafft hat, eine Maschine aus Einzelteilen zu improvisieren, die als unkombinierbar galten. Hin und wieder, wie zufällig, produziert sie die allerschönsten Stücke, wie ebenjenen Pass von Nani vor der Führung gegen Kroatien; meist aber stapft und pustet und brummt und hämmert vor sich hin. Vor allem Pepe, der unermüdliche Kolben, der mit all seiner brachialen Willenskraft die Flugbahn von Flanken beeinflussen kann. Ich wette, in portugisieschen Zeitungen steht, er sei der beste Verteidiger der Welt. Sollte Dragon Ball Z jemals verfilmt werden, er sollte dringend zum Casting gehen.

Deutschland – Frankreich 3:0

Erspart mir viele (und auch lange) Wort. Ich bitte zu verzeihen. Ich halte, ich hab es schon häufiger erwähnt, die französische Verteidigung für überfordert, sobald irgendwas auf sie zukommt, das schneller ist als ein Saab im Rückwärtsgang. Man hat’s auch – trotz der vielen Tore gegen Island – gesehen. Sie schießen die Tore im richtigen Moment, sie haben eine Offensive, die oscarreife Schnitte beherrscht; aber was hinten passieren wird, wenn sie mal ein paar Minuten Pressing ausgesetzt sind, das… Das wird zumindest interessant.

Was ich kurz vor Anpfiff von dem Spiel halte, ob mich eine Epiphanie erreichen wird, die mich eines besseren belehrt, das könnt ihr, wenn ihr mögt, am Spieltag ab 20:00 Uhr bei radioeins hören.

Sinn und Sinnlichkeit

Von am 03 Jul 2016 | Stammgäste

Dieser Text ist personaldebatte gewidmet. Der Ursprungstext ist hier.

Irgendwann sagte Steffen Simon gestern, Özil sei bis dato an keinem Torabschluß beteiligt gewesen, wenn ich mich recht erinnere, war das ganz zum Ende der ersten Halbzeit hin.

Da habe ich mich doch kurz gewundert.

Vielleicht fangen wir ganz von vorne an.

Nehmen wir zunächst das Offensichtliche. Die meisten Teams sind stark defensiv orientiert, sie stellen im Zentrum den Raum zu, oft mit drei defensiven Mittelfeldspielern. Konsequeterweise haben die Stürmer wenig Platz, weswegen kaum einmal einer entscheidend ein Spiel geprägt hat. Mit Ausnahme Pelles schienen die meisten auch einigermaßen unter ihren Möglichkeiten zu spielen. Enstsprechend fallen ziemlich selten Tore diese EM. Und wenn sie fallen, dann (zumindest in der Vorrunde) spät; weil dann doch mal einer zu weit weg ist, weil die angreifende Mannschaft mal was versucht, was eigentlich, weil selten erfolgsversprechend, verboten ist (aus paarnzwanzig Metern draufhalten zum Beispiel, das hätte Payet in der 20. Minute sicher noch nicht gedurft).

Was man also braucht, sind Leute, die den Ball halten können und Tempo nach vorne bringen. Man muss die Ketten hinten in Bewegung bringen, wenn man Räume schaffen will. Es gibt ein paar Spieler, die das bisher ziemlich überzeugend gemacht haben, meistens kommen sie aus einer tiefen Position (Hamsik, Ramsey, Björnason). Dass tatsächlich ein Spielmacher, seinem Namen entsprechend, das Spiel macht, ist ziemlich selten (Iniesta in den ersten beiden Gruppenspielen zum Teil).

Das liegt auch daran, dass sie ständig unter Druck sind und keinen Ball mehr frei nehmen können. Kroos hat bisher auch deswegen so gut ausgesehen, weil er quasi ohne Druck spielen konnte; die Räume, in denen er sich bewegt, waren gegnerfrei, weil sich bei dieser EM kaum einer Pressing zutraut. Außer eben zum Beispiel Italien: gestern dann kam er sehr oft in Kontakt mit Gegenspielern, und siehe da, er hatte im Vergleich zu den bisherigen Spielen in der ersten Halbzeit nur noch ein Drittel Ballaktionen.

Das sind die Bedingungen, unter denen Zehner inzwischen immer arbeiten. Wenn vorne so wenig Raum ist, dass man kaum einmal an den Ball kommt, werden zwei Dinge entscheidend: erstens Raumverständnis und zweitens Technik. Man darf sich nicht täuschen lassen davon, dass das immer so locker aussieht; die Ballverarbeitung, wie Özil sie zelebriert, ist schwer. Wahrscheinlich ist kein Spieler aktuell so gut in der Ballannahme wie Özil. Dass die deutsche Mannschaft im Vergleich mit anderen Mannschaften so oft den Ball im vorderen Drittel halten kann (trotz eines Müllers, der ein wenig außer Form ist), liegt maßgeblich an dieser seiner Fähigkeit.

Im Grunde ist Özil der Faktor, der das deutsche Offensivspiel maßgeblich in Fluß hält. Er mag nicht direkt aufs Tor geschossen oder einen Torschuß vorbereitet haben in der ersten Halbzeit, aber es gab doch kaum einen Angriff, in dem er nicht auf die ein oder andere Art die Füße im Spiel hatte.

Soweit zu Özil. Ich habe gestern im Überschwang gesagt, er sei der beste Mann gewesen; das ist freilich ein wenig übertrieben. Der Morgen danach, Zeit für Relativierungen! Also: Ich denke, für den Erfolg gestern waren drei Dinge entscheidend.

Erstens, die aggressive Verteidigung der Konter. Das war fürwahr beeindruckend, wie die Verteidiger, kaum kam der Ball hoch herangeschlagen, wie Kettenhunde die italienischen Stürmer überfiel und sie wie ein Mückenschwarm piesackte und peinigte, bis sie den Ball entweder verloren oder zurück nach hinten spielten. Hummels, der immer mal wieder einfach einen Schritt nach vorne machte, um einen Ball abzufangen, mit aller gebotenen Lässigkeit, als würde er an einen Tresen schlendern.

Zweitens, Manuel Neuer. Der war der Grund, warum das italienische Pressing, wenn sie es mal aufzogen, ins Leere lief, weil man ihn in jeder Lage anspielen kann, ohne befürchten zu müssen, dass er gleich ein quadratmetergroßes Rasenstück aus dem Boden heraustritt, sondern dass er stattdessen mit einer komatösen Seelenruhe die Bälle weiterverteilt, auf zehn Meter, auf 30 Meter, auf 50 Meter, mit links, mit rechts, völlig gleich, als wohnte Klaus Augenthaler in seinem Schuh.

Und, drittens, die Taktik. Die italienische Fünferkette immer wieder von außen anzulaufen, und dafür zwei Leute abzustellen, war mutig und hat sogar mit zwei guten Fußballern funktioniert. Man (ich) hätte sich (hätte mir) da durchaus auch andere Akteure vorstellen können (Es gibt noch Leute, die denken an Dich, Marcel Schmelzer), aber es hat ja auch so geklappt, also lassen wir das kritteln.

Und wenn das nächste Spiel nicht gegen Frankreich stattfindet, werde ich mir heute Abend vor Wut einen Weisheitszahn ausgebissen haben.

Rundumschlag

Von am 30 Jun 2016 | An fremden Brettern

Ich bin ja durchaus froh, dass ich mit meinen Vorbehalten gegenüber Toni Kroos nicht ganz allein bin. Ich will noch einmal kurz betonen, dass nicht seine fußballerischen Fähigkeiten mich zurückhaltend werden lassen, sondern es die Idee des Spiels ist, die er verkörpert.

Alles weitere haben wir mit René, Marcus und Philip bekakelt. Heute morgen. Um neun. Und dann Peter Alexander. Echt, da machste was mit.

Now something completely different:

Inzwischen sind zwei Rezensionen zu Zidane schweigt erschienen, die mich auch deswegen so freuen, weil sie genau jene Elemente des Buches hervorheben, die mir persönlich wichtig sind.

Steffi Fiebrig auf Textilvergehen:

Ich habe Fußball immer als ein Abbild dessen begriffen, was auch außerhalb des Stadions um mich herum passiert. Frédéric Valin hat anders als ich diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht und abgebildet, wie sich einerseits Frankreich, andererseits die französische Nationalmannschaft entwickelt haben. “Die Équipe Tricolore, der Aufstieg des Front National und die Spaltung der französischen Gesellschaft” lautet der Untertitel, der möglicher Weise die einzige sperrige Zeile des gesamten Buches ist.

Und Heinz Kamke:

Ich glaube, mich im französischen Fußball der letzten zwanzig Jahre ganz gut auszukennen, und auch gesellschaftspolitische Entwicklungen bei unseren Nachbarn verfolge ich stets interessiert. Dass dennoch mit der Zeit manches verloren geht, liegt auf der Hand, und auch vor diesem Hintergrund war es sehr aufschlussreich, sowohl sportliche als auch gesellschaftliche als auch politische Ereignisse nochmals vor Augen geführt, erläutert und eingeordnet zu bekommen. Dabei laufen die einzelnen Ebenen mitunter nebeneinander her, mit gelegentlich recht abrupten Themen- und Schauplatzwechseln, die einem Thriller zur Ehre gereichen würden; zum Teil werden aber auch von Anfang an die Querverbindungen zwischen Fußball bzw. ganz konkret der französischen Nationalmannschaft und der französischen Gesellschaft hergestellt. Besonders deutlich werden sie meines Erachtens etwa ab der Hälfte des Buches, wenn es verstärkt auf Knysna zusteuert und wenn der Autor, und damit der Leser, vielleicht auch schlichtweg von den Grundlagen profitiert, die im ersten Teil gelegt wurden.

Ausschnitte des Buches findet man bei den 11freunden und demnächst in der gedruckten Jungle World (irgendwann die Woche an dieser Stelle auch online).

Erlaubt sei mir auch dieser Hinweis auf die Buchvorstellung, die am Montag, den 04. Juli, in der Yumabar (Weserstraße 14, Neukölln) stattfinden wird (Facebook-Event hier).

Soweit erstmal. Sonntag sitze ich in der taz und tickere Frankreich mit. Ich fürchte, ich werde viel zu schimpfen haben. Zidane Ende.

The idiots guide to the Halbfinals

Von am 29 Jun 2016 | An fremden Brettern

Polen – Portugal 0:2

Fortwährend spricht man von Cristiano Ronaldo, aber entscheidend für das Viertelfinalda- und soein Portugals sind auch ein paar andere Märchenfiguren. Pepe, der böse Wolf, der alles frisst, was mehr Haare hat als er. Wenn der vom Rasen abspringt, um in ein Kopfballduell zu gehen, landet er anschließend in einem Krater. Würde man ihn verfilmen, es müsste ein Comicfilm sein, und er würde gespielt werden von irgendeinem glatzköpfigen Bösewicht aus Dragon Ball Z. Dann freilich das fleißige Lieschen, Renato Sanchez, der derart viele Löcher zugelaufen hat, ich nenne ihn ab sofort die Nähmaschine. Und am Ende auch Nani, der – man mag es kaum glauben – AUCH nach hinten kucken kann, AUCH festgestellt hat, dass bei elf gegen elf selbst für ihn ein Gegenspieler vorgesehen ist, und der trotzdem diesen Wahnsinnspass auf ronaldo gespielt hat, von dem ich seither zweimal geträumt habe. Mir ist völlig schleierhaft, wie man über dieses Spiel hat schimpfen können, das war reine Konzeptkunst. Man muss das nicht mögen, aber bevor man sich dazu entscheidet, es zu verurteilen, wäre es doch hilfreich, es zu verstehen.

Über Polen hingegen mag ich nichts sagen. Was Größe hat, wenn man es gegen einen erkennbar spielstärkeren Gegner wie Kroatien umsetzt, wirkt schnöde und langweilig und mutlos, wenn man das gegen die Schweiz macht. Diese übertriebene, lebenstraurige Vorsicht! Ehrlich, Polen deprimiert mich.

Wales – Belgien 0:2

Hätte man den Walisern vorher gesagt, wie einfach ihnen so eine Euro fällt, hätten sie vielleicht schon früher mitgemacht. Bisher haben sie sich immer ganz gut angepasst bekommen an den Gegner, wie Nachwuchsitaliener, bloß dass die einen immer überperformt haben, und die anderen spielten halt gegen Nordirland.

Belgien hingegen, glaubt man kaum bei der Topographie, was die für eine Berg- und Talfahrt hingelegt haben. Anderen Mannschaften hat so eine eindeutige Auftaktniederlage schon das Genick gebrochen, aber Belgien hat sich sagenhafterweise wieder hineingefuchst. Und das liegt an wem? De Bruyne. Der wär mal was für Lautern, aber wozu sag ich das überhaupt, auf mich hört ja sowieso keiner.

Deutschland – Italien 1:2

Prognose: Entweder Khedira ist am Samstag bester Mann auf dem Platz, oder Italien Halbfinalist.

Das würde hier wahrscheinlich einige überraschen. Man hat so viel über Boateng gesprochen, dass man ganz vergessen hat, wer der großartigste Abwehrspieler dieser EM bisher war, Giorgio Chiellini nämlich. Es ist ein bisschen albern, wie sehr die Kommentare über ihn immer mit Wildwestmetaphern hausieren gehen – knochenhart, ausgebufft, gnadenlos. Bloß weil der keine Haare hat, die im Wind wehen, wenn er mit langen Schritten, Ball am Fuß und Fuß am Ball, das Mittelfeld durchschreitet oder aus der Drehung einen Pass vierzig Meter auf außen ziseliert. Bloß weil er aussieht wie ein sieben Jahre bei Trockenfutter in einer Höhle vergessener Filmbösewicht, glaubt man ihm seine Eleganz nicht.

Aber andererseits gibt es freilich Mesut Özil. Zu dem habe ich an anderer Stelle schon leicht untertrieben.

Frankreich – Island 2:0

Ja, also. Was soll man dazu sagen. Vor dem Achtelfinale hätte ich noch gemeint, bittebitte nicht die Engländer, die reißen Frankreich auseinander wie reifen Mozzarella. Und dann spielen die gegen Island 87 Minuten ohne Flügel. Fast so wie die Franzosen gegen Irland. Das wäre mal ein Spiel geworden, übersichtlich wie die rituelle Wasserschlacht auf der Oberbaumbrücke.

Aber so schmeißt frankreich den nächsten Publikumssympathen aus dem Turnier, um dann seinerseits im Halbfinale am späteren Europameister zu scheitern. Frankreich hat das bisher ja immer so gemacht, dass die Mannschaft immer so mittelgut dabei war, bis auf einen, der dann glänzen durfte. Wenn das dieses Mal nicht Giroud sein wird.

Über Island will ich nichts sagen, die werden einem mit jedem Wort sympathischer, und am ende wünscht man sich, sie kämen weiter. Und das soll freilich auf keinen Fall passieren.

Patrick Vieira

Von am 20 Jun 2016 | Stammgäste

Der unbesungene Held der französischen Nationalmannschaft – mein unbesungener Held der französischen Nationalmannschaft – ist Patrick Vieira.

Es gibt jene Spieler, die jeder liebt, die Eleganz und Kunstfertigkeit ausstrahlen, die schwierige Dinge mit dem Ball aussehen lassen wie Schnürsenkelbinden – die einen träumen lassen, man selbst sei freilich ohne weiteres in der Lage, aus vollem Lauf eine Rabona zu schlagen, durch zwei Gegenspieler hindurch. Das sind die Zauberer, die Zidanes und Djorkaeffs, denen man deswegen Überdurchschnittlichkeit zugesteht, weil man sich mit ihnen zu identifizieren wünscht.

Und dann gibt es die anderen, die Kettenhunde, die besonders von den Fans verehrt werden – ehrliche Arbeiter sagen die Moderatoren dazu, als wäre ein Übersteiger etwas unehrliches oder sogar unehrenhaftes. Man liebt sie vor allem in Deutschland und England, dort also, wo jeder Zauber unter dem Verdacht der schnöden Illusion steht. Hier liebt man jene, die sich den Arsch aufreißen, die Dreck schlucken und spucken und buckeln und nicht lang fackeln, wenn sie ein fremdes Schienbein sehen. Das sind Leute wie Du und ich, ohne große Talente gesegnet, nur mit der Kraft ihrer Beine und dem Willen ihres Bummskopfes hauen sie all jene weg, denen es allzu leicht fällt, gut auszusehen auf diesem Platz.

Patrick Vieira ist eine Chimäre: von beiden hat er etwas. Seine Grätschen sind von tänzerischer Anmut, aber man sieht ihnen doch an, dass sie weh tun können im richtigen Moment. Seine Pässe, seine Dribblings, haben oft etwas ungelenkes, improvisiertes, planloses; erst wenn er dann einen wunderbaren Pass spielt, weiß man, dass er etwas ahnte, eine Idee hatte, auf die man nicht gekommen wäre.

Vieira ist ein Bildhauer: einer, der mit der brachialen Gewalt seiner schwielenüberzogenen Hände höchste Eleganz zu schaffen in der Lage ist. Einer, dem sowohl was nötig ist als auch was möglich ist gelingt; kurzum, der kompletteste Fußballer, den Frankreich je gesehen hat.

(Aus Zidane schweigt.

Ein längerer Auszug ist bei den 11Freunden online)

#2

Von am 19 Jun 2016 | "Mach ma n Zettel"

Gruppe A

Frankreich – Albanien 2:0
Rumänien – Schweiz 1:1

Der Himmel ist ein leeres Gewölbe. Aber es gibt ihn. Die französischen Spieler wissen das. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Spieler wortlos in den Himmel blicken sehen wie an jenem Abend. Pogba nach seinem Dropkick, wortlos nach oben schauend, innerlich von der Frage zerrissen, worin nur seine Sünde bestanden habe, die ihm ab jetzt das Glück vergällt; Giroud nach seinem Kopfball, sich kokett auf der Lippe herumbeißend, dabei aber mit einer gewissen Melancholie im Blick, als wüßte er, dass er es nicht besser verdient habe; und – mein Lieblingshimmelsmoment – Deschamps nach dem Tor, der eine Wasserflasche in die Luft schleudert, ihr kurz hinterherblickt und – einfach weiterläuft. Als wüsste er, die kommt nicht mehr runter. Als wär das eine Form archaischen Dankesopfers für einen missbilligend dreinsehenden Gott, dem das ganze aber auch meistens egal ist. Nur in diesem einem Moment ist er den Franzosen doch ein kleines bisschen gewogen: Wir nehmen aus dem Spiel die Erkenntnis mit, dass man Konter auch liegend erfolgreich zu Ende spielen kann.

Die Schweiz, das ist wie eine Ikea-Einrichtung, scheint mir. All die Komponenten sind da, die grandiosen Spieler – Rodriguez, Xhaka, Shaquiri, Mehmedi -, die schönen Möbel, wie die aussahen auf den Fotos! Man hat sich das auch alles aufs hübscheste ausgedacht, bloß um am Ende zu merken: das sieht ja alles entsetzlich bieder aus.

Gruppe B

England – Wales 2:1
Russland – Slowakei 1:2

Stellungsspiel des Jahres auf jeden Fall Jamie Vardy. Ich habe keine Ahnung, wie man darauf kommt, wie er vor dem 1:1, sich einfach mal meterweise ins Abseits zu stellen und zu kucken was passiert. Wenn ein Stürmer irgendwo nicht zu stehen hat, dann gerade da. Es gibt im Grunde keine Situation, in der Du, wenn Du da stehst, nicht aussiehst wie ein Idiot, drei Meter weit im Abseits, möchte ich meinen.

Aber nun, die Realität ist klüger als ich. Und Jamie Vardy, der ist auch klüger als ich. Das heißt, ich kann nicht besonders schlau sein, fürchte ich.

Zum Spiel Russland gegen die Slowakei habe ich hier alles gesagt, was ich zu sagen hatte.

Gruppe C

Ukraine – Nordirland 0:2
Deutschland – Polen 0:0

Ach herrje. Was mich am meisten verwundert hat, war tatsächlich eine gewisse Grundschludrigkeit in der Ordnung, die freilich bei der WM vor zwei Jahren noch als Genialität durchging, und für, glaube ich, maßgeblich Khedira verantwortlich ist, der da wie ein wildgewordener Seefahrer zwischen Indien und Madagaskar hin- und herkreuzt, immer auf der Suche nach ich weiß nicht was, vielleicht auch auf der Flucht.

Außerdem spielt Deutschland quasi ohne Außenverteidiger, oder anders: ohne Außenverteidiger, die Du für das Spiel, das Deutschland spielt, halt bräuchtest. Das überraschendste an Höwedes ist mit Sicherheit, dass er überhaupt spielt.

Gegen Nordirland wird das wohl reichen. Aber das ist kein Kick, auf den ich mich freue.

Gruppe D

Tschechien – Kroatien 2:2
Spanien – Türkei 3:0

Musste ich beide terminbedingt komplett ausfallen lassen. Großes Schade.

Gruppe E

Italien – Schweden 1:0
Belgien – Irland 3:0

Ich weiß nicht, warum das „jemanden den Zahn ziehen“ heißt. Wie es zu dieser Redewendung gekommen ist. Is klar, Italien hat Schweden den Zahn gezogen – aber wenn ein Zahnarzt fürs Zahnziehen 90 Minuten braucht, da geht doch keiner hin. Zahnziehen daurt maximal zehn Sekunden, bei mir jedenfalls,

Jedenfalls macht Italien alles, alles richtig. Sie spielen nicht besser, als sie müssen, um den Gegner daran zu hindern, Fußball zu spielen, und irgendwann denken sie sich: jetzt könnten wir aber mal, und der Witz ist: dann können sie auch. Aber mal richtig. Alle.

Und Ibrahimovic stand vorne und riss sich die Haare einzeln aus seinem Dutt. Er mag Gott und Legende sein, die drei weisen Herren in Blau sind die Moiren, und die bestimmen nunmal über Dein Schicksal.

Gruppe F

Island – Ungarn 1:1
Österreich – Portugal 0:0

Welcher Quatschkopf hat eigentlich Österreich zu einem Geheimfavoriten ausgerufen? Warum können die eigentlich keinen einzigen Ball vernünftig in die Spitze spielen? Und wenn doch, warum steht eigentlich am Ende der Verwertungskette immer Harnik? Das ist, als würde man Autos direkt in die Schrottpresse ausliefern.

Und klar kann man jetzt über Portugals Chancenverwertung spotten. Aber klar ist auch: die hatten immerhin Chancen. Das ist mehr, als die Hälfte der Mannschaften auf dieser Euro bisher über sich sagen kann.

Was für die Ohren (und die Nase)

Von am 16 Jun 2016 | An fremden Brettern

Ich saß morgens um neun in einem Radiostudio, habe ein paar Fehleinschätzungen zu den letzten und kommenden Spielen von mir gegeben und den anderen dabei zugehört, wie sie Kluges und Lustiges von sich geben. Außerdem wurde ich Misanthrop genannt, was absolut stimmt (um diese Uhrzeit).

Aber hört selbst:

Obendrein hab ich bei der taz gepöbelt.

#1

Von am 15 Jun 2016 | "Mach ma n Zettel"

Gruppe A
Frankreich – Rumänien 2:1
Albanien – Schweiz 0:1

Wenn Analyse nix bringt, hilft nur noch Psychologie. Dutzende Male habe ich wie ein besoffener Papagei vor mich hingemurmelt: perfektes Tor, perfekter Zeitpunkt, perfekter Schütze. Perfekt, perfekt, perfekt. Leider funktioniert Suggestion bei mir nicht, sonst könnte ich längst fliegen.

Was gut war: Payet mit seinem Zirkusschuß, und Kanté auch, in dessen Ahnengalerie man, forschte man genug, mit Sicherheit einen Rammbock entdecken könnte.

Was nicht so gut war: die Flügel. Frankreich ist ein Pinguin auf Landgang. Die Flügel sind nicht dafür da, wofür sie bei anderen Mannschaften dienen. Bei Frankreich sind sie dazu da, dass von außen jemand in die Mitte laufen kann. Insbesondere Griezmann, der da außen gar nichts mit sich anzufangen wußte. Hin und wieder schaute er unsicher zur Bank, ob ihm nicht demnächst einer was zu lesen bringe.

Und zu Giroud sag ich nix. Das haben glaube ich alle gesehen, trotz des Tores.

Für die Gruppe reichts, danach muss ich in eine Kirche, ein paar Kerzen anzünden.

Glückliche Fügung, dass Schweiz und Albanien bereits am zweiten Tag gegeneinander spielten, werweiß, wie lang uns sonst diese Schmalz- und Schmerzgeschichte sonst begleitet hätte. Das unglückliche Brüderpaar! In verschiedenen Uniformen! ZDF-Zweiteiler! Die Storyline hab ich schon häufiger gehört, allerings war das Setting normalerweise sowas wie der Erste Weltkrieg o.s.ä.

Gruppe B
Wales – Slowakei 2:1
England – Russland 1:1

Wales-Slowakei habe ich nicht gesehen, nur einen kurzen Blick auf die slowakischen Spieler hab ich erhascht. Hinterher habe ich mit viel Vergnügen die teils ungläubigen Gesichter meiner Mitmenschen betrachtet, die das Spiel gesehen haben und sich fragten: Wie kann eine Mannschaft, die Deutschland schlug, von Wales besiegt werden?

England-Russland hingegen war großer Spaß. Wie ein Rudel junger Hunde sprangen die in Weiß da übers Feld, übermütig herumtollend, sich ihrer Kräfte nicht vollends bewußt, immer eine Spur daneben in der Kräftedosierung, aber mit sichtbar Spaß an der ganzen Chose. Und dann kommt da in der letzten Minute so ein Brocken und macht mal alles platt. Ein Spiel wie eine Roadrunner-Folge.

Über Akinfeev und die Tragik des Torhüters steht noch ein bißchen was in der taz.

Gruppe C
Polen – Nordirland 1:0
Deutschland – Ukraine 2:0

Ich weiß nicht, was alle mit Toni Kroos haben. Jaja, sicher, guter Spieler, jaja sicher, Passgenauigkeit und Packing-Wert und all das, aber mal im Ernst: Immer, wenn Kroos gut ist, ist das Spiel sterbensöde. Wenn der Fußball ein Zirkus ist, ist er der Dompteur. Er knallt hier mal mit der Peitsche und zeigt dort mal auf einen Sturm, und Khedira, Müller, Götze, Özil usw. rennen dahin und dorthin. Das hat etwas sehr meditatives, aber ein wenig öfter ein überraschender Pass, ein bisschen Konfetti, irgendein Hoppala! Toni Kroos ist nicht das Herz der Mannschaft, es ist die Herzlungenmaschine.

Die erste Halbzeit konnte ich nicht sehen, sie soll offenbar sehr anders gewesen sein. Hoffentlich kommt das noch häufiger vor, dieses anders.

Wie Nordirland seine Qualifikationsgruppe gewinnen konnte, ist eines jener Rätsel, die nur van Däniken erklären kann. Das ist wahrscheinlich die einzige Mannschaft des turniers, wo die Leute, di schimpfend vor dem Fernseher sitzen und sagen, das könnten sie auch, Recht haben. Andererseits ist es freilich von verzweifelter Schönheit, vierzig Meter vor dem Tor zu einem Fallrückzieher anzusetzen.

Gruppe D
Türkei – Kroatien 0:1
Spanien – Tschechien 1:0

Ich weiß noch, wie ich als Kind mit höxschter Faszination meiner Großmutter beim Stricken zusah. Das ging taktaktaktaktaktaktaktak, und fertig war der Ärmel. Den Kroaten zuzusehen, hatte bisweilen Ähnlichkeiten: Rakitic und Modric, das waren die beiden Nadeln; der Ärmel, das war das Spiel; meine Oma, okay, das Bild geht nicht ganz auf.

Ein Halbfinalist, würde ich meinen.

Spanien offenbar auch, nach den 30 sekunden, die ich ruckelfrei im Stream habe sehen können. Das ganze Spiel lief für mich ungefähr so ab: (40 Sekunden Buffern) – irgendwer sagt Iniesta – (30 Sekunden Buffern) – irgendwer sagt Iniesta – (20 Sekunden Buffern) – irgendwer sagt Morata im Abseits – (Stream bricht ab).

Gruppe E
Irland – Schweden 1:1
Belgien – Italien 0:2

So geht Fußbal. Genau so, wie Italien ihn gespielt hat. Das war absolut beeindruckend, wie sie immer weider genau jene Sorte Pässe spielte, von der sie nicht wussten, ob das jetzt hinhaut oder nicht – nicht so sehr, weil sie ungenau gespielt waren, nein, das war durchaus geplant. Aber Pässe nahe der Unerreichbarkeit fordern von Mitspieler und Gegner alles, sie wollen was von einem. Dass Italien den fantasievollsten Fußball spielt, dem ich bisher bei der EM habe sehen dürfen – …

Irland – Schweden habe ich leider auch nicht sehen können; bemerkenswert allerdings die systemische contradictio in adiecto, die der Fußballjournalismus in der Berichterstattung über Schweden an den Tag legt: selbst wenn man nicht über Ibrahimovic spricht, muss man darüber sprechen, dass man nicht über Ibrahimovic spricht, und spricht also wieder über ihn. Er hat die Fußballberichterstattung gekapert

Gruppe F
Portugal – Island 1:1
Österreich – Ungarn 0:2

Die gleiche Einfallslosigkeit, die das Witzegewitter zur Partie Österreich – Ungarn begleiete, zeitigte auch das österreichische Spiel. Österreich ist ein Depp – allerbeste Voraussetzungen, das Spiel von Anfang an im Griff, und irgendwann – seis aus Schluddrigkeit, seis aus Unbeherrschtheit – lassen sie das einfach liegen, wie man versehentlich seine Tasche in der U-Bahn liegen lässt. Es hatte freilich schon etwas ausgesprochen rührendes, wie Ungarn das Nichts, das ihr kreatives Mittelfeld ist, immer wieder zurannte, das Fehlen einer eigenen Kreativität schlicht mit Arbeit kompensierte. Kleinheisler, dieser Teufel! Kann nix, macht davon aber alles mit doppelter Verbissenheit, bis doch irgendwas dabei rumkommt.

Wie war Ronaldo?

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