Trinken gehen (Auszug)

Von am 13 Apr 2016 | An fremden Brettern

Es gibt lange Zeit kein Lachen in der westeuropäischen Malerei, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht. Die Kunst ist bis dahin eine sehr ernsthafte Angelegenheit. Kaum einmal, dass Cupido maliziös lächelnd über die Schulter schielt oder die Mona Lisa dösig zum Betrachter hinübergrient. Es existieren einige seltene Ausnahmen, häufig sind es Faune, Hofnarren oder Liebesgötter, die sich immerhin zu einem herzhaften Glucksen hinreißen lassen.

Warum das Lachen in der westlichen Kunst kaum stattfindet, könnte mehrere Gründe haben: Zum einen ist es sehr schwer abzubilden, wie man bei der Betrachtung der Bamberger Domfassade sehen kann. Dort lacht sowohl die Gruppe der Erlösten als auch die Gruppe der Verdammten, aber beide tragen fratzen- bzw. karrikaturhafte Mienen zur Schau; ähnlich wie rennende Pferde konnte das Lachen erst mit dem Beginn der Fotografie bildlich entschlüsselt und reproduziert werden. Erschwerend hinzu kam, dass das Lachen im Christentum als schlecht galt: In der Bibel wird kaum gelacht, das frühe Mittelalter zählt das Lachen sogar zu den Lastern, entsprechend gilt in Wolfram von Eschenbachs Parzival der Verzicht auf das Lachen als königliche Tugend.

Aber es gibt auch eine andere Welt, sie tut sich in der niederländischen Wirtshausmalerei ab dem 15. Jahrhundert auf, der eine Art perspektivisches Lachen zugrundeliegt. In diesen Bildern geht es zu wie, nun ja, auf einem Volksfest. Da wird sich geprügelt und mit dem Messer gestochen, Karten gespielt und über Bänke gefallen, und überall stehen Bierkrüge und Weingläser und Karaffen voller Alkohol. Der Anthropologe Donald E. Brown hat in seiner Liste der menschlichen Universalien als wesentliche Bestandteile der Kultur Musik, Konfliktlösungsstrategien, Sprache, Spiel und „stimmungs- oder bewusstseinsverändernde Techniken und Substanzen“ aufgeführt – ein Portfolio, das sich auch in diesen Bildern findet, ganz besonders bei Frans Hals. Dessen liebevoller Blick auf seine Figuren, er kommt mir ohne Alkohol ganz unmöglich vor.

(Aus: Trinken gehen.)

Weiter

Von am 06 Apr 2016 | Geht auf's Haus!

Ich weiß nicht, was passiert ist. Oder wann. Irgendwann ist es passiert, und ich wurde müde. Müde vom Fußballzirkus, müde von den immergleichen Berichten auf den Sportseiten, müde von der Selbstherrlichkeit der Funktionäre, der Spieler, der Journalisten. Irgendwann habe ich mich nicht mehr aufgeregt, sondern dachte nur noch: Was solls.

Die Euroliga. Sollen sie machen, meinetwegen. Ich bin raus. Möglicherweise bin ich ein Romantiker und Nostalgiker, aber mir gehen diese Übungen in Kapitalismus auf die Nerven. Meine Emotionen sind mir zu wichtig, um ständig manipuliert zu werden. Ich will nicht mit „Highlights“ zugeschissen werden, die sich irgendwelche Idioten in Anzügen ausdenken, um Geld zu generieren und ihre Vormachtstellung zu zementieren. Ich will, dass meine Begeisterung für irgendwen oder irgendwas unschuldig bleibt, uninstrumentalisiert.

Die Unaufrichtigkeit, die Prinzipienlosigkeit, dieser ganze Egoismus und Eigennutz, das nervt mich. Da will ich nicht mit zusehen müssen, wie sich so ein Geck wie Hellmann Woche für Woche aufplustert. An die ganzen Sky-Nasen kommt nix ran, die merken noch nicht mal, was für idiotische Scheiße sie produzieren. Die schauen auf irgendwelche Zahlen und sagen dann: Läuft doch alles prima. Den Beckenbauer nehmen wir als Experten, den mögen die Leute. Eigentlich hat der bloß deswegen nen Mund, um sich da seinen Weißwein reinzuschütten. Rauskommen sollte da nach Möglichkeit nix. Aber was solls, die Leute fressen Scheiße, also geben wir sie ihnen.

Ja, das hat mich alles mürbe gemacht. Ich bin ein simpler Tümpel: man kann natürlich fortwährend Kacke in mich hineinschütten, aber irgendwann kippe ich halt um. Dann sind alle Fische tot. Jetzt muss ich mich erstmal klären lassen.

Das alles um zu sagen: Hier gehts ab heute weiter, einerseits. Um Fußball wird es sich aber nicht mehr ausschließlich drehen. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Einlaufkinder #15

Von am 18 Dez 2015 | Einlaufkinder

Einlaufkinder awakening. Ein kurzer Rückblick auf die Bundesliga-Hinrunde und Freds Jugend. Nico hält ihm dabei die Hand.

[Wir mussten die alten Folgen auf Soundcloud löschen, weil unser Minutenkontingent erschöpft war (Mehr als 3 Nicht-EU-Podcasts). Auf iTunes gibt’s die alten Folgen noch und wenn die Rohre noch halten, kommt diese neue Folge irgendwann bei iTunes an.]

Pepe

Von am 25 Aug 2015 | Einlaufkinder

Ich habe einen Großvater adoptiert.

Das war keine überlegte Entscheidung, sondern völlig spontan. Da ich bisweilen (vor allem wegen meines Hangs, Fußballspiele in Kneipen zu sehen) in Lokalitäten zweifelhaften Rufs verkehre, bleiben mir hin und wieder Gespräche über Migration und Flüchtlingspolitik nicht erspart; und was soll ich sagen, sie verlaufen selten erfreulich. Fremdenfeindliche Ressentiments, Empathielosigkeit, bisweilen offener Rassismus – aus solchen Auseinandersetzungen kommt man oft genug raus mit der Überzeugung, es sei ein Wunder, dass es keine rechtspopulistische Partei jenseits von 20 Prozent in Deutschland gibt.

Ich bin in diesen Gesprächen immer wieder verzweifelt: an der Faktenresistenz, an der Betonhärte der Phrasen, an der Unmöglichkeit, in einen Dialog zu gelangen; es war immer, immer, immer so, als würde ich mit einem Radio sprechen.

Was sich obendrein als völlig sinnlos erwiesen hat: den Hintergrund der Parolen zu benennen. Der Hinweis, dieser oder jener Satz sei reiner Rassismus, wird viel zu oft mit Achselzucken beantwortet. Ja, mein Gott, dann war das halt rassistisch, stimmen tuts trotzdem.

Bis ich neulich, bei einem Gespräch über Ausländerkriminalität am Nachbartisch, nicht lange nachdachte und einfach fragte: Meinste mich? Das war mir so rausgerutscht, und ich war wahrscheinlich genauso überrascht wie die Leute neben mir. Woher ich denn käme, fragte mich der Wortführer, da sagte ich, ich hätte einen algerischen Großvater. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin; vielleicht hat mit eine Rolle gespielt, dass ich vor kurzem gehört habe, eine meiner Urgroßmütter sei eine rumänische Sinti gewesen, und mir das aber als authentifizierende Herleitung zu lang vorkam.

Der Effekt war interessant: Gezwungen, nicht mehr eine undefinierte Masse an Leuten zu verdammen, sondern ein konkretes Wesen anzugehen, schämten sich die Leute tatsächlich und kamen schnell auf ein anderes Gesprächsthema. (Autos, glaube ich.)

Leute zu überzeugen, die offen rassistische Ressentiments äußern, hab ich aufgegeben; es geht nur noch um den Kampf der Öffentlichkeit. Ziel muss sein, solche Äußerungen zurückzudrängen, nicht, die Leute zu besseren Menschen zu erziehen. Und wenn es hilft, dafür einen Großvater zu adoptieren, dann ist das doch ein willkommener Familienzuwachs.

(Wiedervorlage. Original am 26. Mai auf FB gepostet)

„Unglaubliche Bilder“

Von am 11 Aug 2015 | Schlägerei

Lucien Favre sah entspannt aus. Als würde er am Tresen einer Strandbar stehen und einen alkoholfreien Cocktail trinken, so stand er im ARD-Studio und plauderte mit den Anwesenden. Neben ihm Ewald Lienen, der mit der Brille aussieht, als würde er Modelleisenbahnen sammeln, machte einen gelösten Eindruck; ja gut, man habe halt verloren, aber gegen Gladbach, man wird halt auch nass wenn man ins Meer steigt.

Dann nahm Alexander Bommes die Intonation aus seiner Stimme und sagte, Blick in die Kamera, grabesschwer: schlimme Dinge hätten sich in Osnabrück abgespielt, das Spiel habe abgebrochen werden müssen. Im Hintergrund ein Moment echter Emotion: Man sieht, wie Favre erschrickt, die Augenbrauen hochzieht, sich fragend umsieht und betroffen auf eine Antwort wartet. Daneben steht, der offenbar schon besser informiert ist, Ewald Lienen, der Favre zwei drei Worte sagt und eine wegwerfende Handbewegung macht: naja, die machen gerade wieder ein Fass auf, Du weißt doch, wo Du hier bist. Im Sportjournalismus.

Ich verrate hier mal, was eh schon alle wissen: Ein Feuerzeug hat den Schiedsrichter am Kopf getroffen. Darauf hat der die Partie abgebrochen.

Dann Schnitt auf die Zusammenfassung des Spiels. Es ist interessant, wie die Sportschau das Ereignis zelebriert. Es fängt damit an, dass einem keiner sagt, was passiert, es wird fortwährend nur gemunkelt. „Ein schwarzer, skandalöser Tag“ sei das, und die Fans wissen auch noch nicht, „was ihnen bevorsteht“.

Fantastisch, wie subtil das ist: denn natürlich wissen die Fans nicht, was ihnen bevorsteht, das ist ja der ganze Witz an dieser Sache „Fußballspiel“. Aber indem er nochmal betont, dass nun etwas Unvorhergesehenes passiert, dreht er nochmal am Spannungsregler: selbst für ein Fußballspiel ist das also unvorhersehbar.

Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob der Kommentator weiß, was er so von sich gibt; nach dem Tor stellt er fest, dass schon jetzt das Stadion droht, aus allen Nähten zu platzen; aber warum? Ist es denn tatsächlich überfüllt? Machen die Glücksgefühle die Fans ein Stückchen fetter? Oder wollte er schlicht sagen, dass, Phrasendeutsch, die Emotionen hochkochen, das Stadion bebt, die Stimmung am Siedepunkt ist, also dass sich da ein paar Leute ziemlich dolle freuen?

Aber gut, es liegt vielleicht daran, dass der Mann selbst ein bißchen aufgeregt ist. Schließlich ist unfassbares passiert: die Fangnetze sind eingebrochen, direkt nach dem Tor. Ich weiß nicht, ich glaube, wenn man mich da nicht drauf hingewiesen hätte, hätte ich das gar nicht mitgeschnitten, weil meine ganze Aufmerksamkeit Savran galt – wie jene des Kommentators übrigens. Jetzt aber, als er nochmal darauf hinweist, was da in der Bildperipherie vor sich geht, findet er, das seien „unglaubliche Bilder“, sowas habe er noch nie gesehen.

Mal ganz davon ab, das natürlich jeder, der mehr als zehn Stunden Fußball geschaut hat, „solche Bilder“ schonmal gesehen hat: Das nenne ich mal eine Text-Bild-Schere. Man muss das Material zweimal einspielen, extra darauf hinweisen, was passiert, und dazu sagen, es sei etwas noch nie dagewesenes; ansonsten hätte ich vermutlich nur dagesessen und gedacht: aha, die Fangnetze. Sowas aber auch.

Dann hat sich’s erstmal mit dem Sensationsgehupe. Dafür, das gleich irgendwann unglaubliches passieren soll, läuft die Moderation erstaunlich locker runter: hier mal ein paar Details zu Forsberg und Menga, da mal eine Aufnahme von Lieberknecht als kleiner Ausblick auf das, was die kommende Woche so bringen wird für RB Leipzig.

Was mich dann aber bass erstaunt zurücklässt: Die Vorkommnisse der 70. Minute werden einfach sauber runterkommentiert. Keine Polemik, keine Dramatisierung, kein apokalyptisches Geschrei. Es geht soweit, dass Parallelen gezogen werden zu anderen Spielen; klar, einigermaßen sinnloses Faktenaneinanderreihen, aber nicht bösartig oder tendenziös. Keine Kollektivverurteilung, keine Forderung weitreichender Konsequenzen, bloß am Ende nochmal der – ich bilde mir ein: verschämte – Hinweis, das sei „ein schwarzer Tag für den deutschen Fußball“ gewesen.

Den man aber mit Sicherheit übermorgen wieder vergessen hat; das schönste Bild an diesem Abend war dann die Rückschalte ins Studio. Da standen nur noch Bommes und Scholl. Ich hätte gern gewusst, wann der perplexe Favre und der abgebrühte Lienen den ganzen Zirkus verlassen haben. Ich vermute mal, nachdem ihnen in zwei drei kurzen Sätzen mitgeteilt worden ist, was weiter oben steht: Ein Feuerzeug hat den Schiedsrichter am Kopf getroffen. Darauf hat der die Partie abgebrochen.

Es gibt einen Begriff dafür, wenn jemand eine Aktion überinszeniert, um ein paar Minuten zu schinden: Zeitspiel. Das ist genau das, was die Sportschau gestern gemacht hat. Freilich, das ist nicht dramatisch, nur eine kleine unsportlichkeit. Was das aber mit Zuschauern macht, die die Sportschau beim Wort nehmen, das hat man Favre gestern quasi live angesehen.

Wie Platini ein Mann wurde

Von am 30 Jul 2015 | Schlägerei

Platini alors. Ich will da gar nicht weiter mitspekulieren. Ich will nur eine kleine Geschichte erzählen. Die geht so:

Es ist der 29. Mai 1985, das Finale des Europapokals der Landesmeister, Juventus Turin gegen den FC Liverpool. Sich heute das Spiel anzusehen – aktuell ist ein Mitschnitt mit englischem Kommentar auf youtube – ist ein surreales Erlebnis. Nach einem Blocksturm Liverpooler Hooligans brach eine Massenpanik aus, 39 Menschen wurden getötet, 454 verletzt.

Schaut man sich heute die Übertragung an, man würde nicht drauf kommen, wenn mans nicht wüsste. Am Anfang sieht man zwar einen verwüsteten Block mit vollarmierten Polizisten davor, nach denen ein zwei Juve-Fans Steine werfen; und man sieht auch am oberen Spielfeldrand die Reihe schwarzgekleideter Sicherheitsleute, eng bei eng, die das Wesentliche – das Spiel – von der Fassade – die Menschen im Stadion – trennen. Aber nichts weist darauf hin, dass hier vor wenigen Minuten eine der größten Tragödien des europäischen Fußballs stattgefunden hat; sogar die Zuschauer, die übriggebliebenen, hört man im Hintergrund immer wieder rufen und singen. Der Kommentator sagt sinngemäß, es sei eine Qualität des Fußballs, uns wenigstens für die nächsten anderthalb Stunden vergessen zu lassen, was sich vor dem Spiel für Szenen abgespielt hätten.

Dann, die 56. Minute: Platini schickt nach einem abgefangenen Angriff Boniek, der sich gegen zwei vor den Stafraum wurschtelt und dort hinfällt. Der Schiedsrichter pfeift und gibt Elfmeter, niemand protestiert, heute wäre bei so einer Fehleinschätzung jeder zweite Profitrainer aus dem Stadion gerannt und hätte eigenhändig drei oder vier Autos angezündet. Boniek aber freut sich, ballt die Hand zur Faust und sieht erwartungsvoll Platini entgegen, der das Ding jetzt schaukeln soll.

Und das tut er auch. Links unten, nicht sehr platziert, aber den Torhüter verladen, einsnull; und dann läuft er los, hopst ein bisschen, reißt zweimal die rechte Faust hoch und kuckt kurz in die Kurve, dann wird er von seinen Mitspielern begraben. Man hört im Hintergrund leicht den Ton hochgehen.

Einige Monate später wird Platini Marguerite Duras sagen, er sei an jenem Abend zum Mann geworden. In einem Interview 1986 erklärt er, die Spieler hätten vom Blocksturm gewusst, aber er habe keine Sekunde an die Toten gedacht. Warum nicht, fragt der Reporter, und Platini:

„Das müssten Sie einen Psychiater fragen.“

Alles verkehrt

Von am 21 Jul 2015 | Schlägerei

Ich habe mal eine Zeit lang in einer SHT-Abteilung gearbeitet. SHT heißt Schädel-Hirn-Trauma, also alle Sorten Hirnverletzungen, seis durch äußere Gewalt, Aneurysmen, Schlaganfälle. So vielfältig die Verletzungen, so unterschiedlich auch die Störungsbilder: Verlust der Sprachfähigkeit, Halbseitenlähmung, charakterliche Beeinträchtigungen.

Es war eine Station mit 40 Betten, und unter diesen 40 Leuten waren nicht zwei, die sich ähnelten, auch wenn sie auf dem Papier die gleichen Störungsbilder hatten. Und es gab auch die unterschiedlichsten Reaktionen auf die Beeinträchtigung, einige waren okay mit der neuen Situation und fanden sich zurecht, zwei waren sogar dankbar – einer ein kroatischer Nazihool, der zuvor Ausländer mit Eisenstangen durch die Stadt gejagt hatte und nach einem Sturz vom Balkon zu Gott gefunden hatte, ein anderer Heroinabhängiger, der bei einer Massenschlägerei auf dem Oktoberfest einen Bierkrug auf den Kopf bekommen hatte und seine Entgiftung im Koma durchgemacht hatte, und der ohne die Einblutung ins Hirn bestimmt längst tot gewesen wäre.

Es gab aber auch einige, die in schwärzeste Depression verfielen, die manchmal länger, manchmal kürzer dauerte. Und auch wenn man nach Aktendurchsicht nicht sagen konnte, wie welche Person mit der Beeinträchtigung umging, so gab es ein paar (sicher nicht repräsentative) Häufungen, die uns auffielen: Zum Beispiel, dass Leute, die ein höheres Ansehen genossen haben vor dem Vorfall, schlechter mit den Folgen umgehen konnten. Und auch, dass Leute, die in intellektuellen Berufen gearbeitet haben, nicht so gut mit den Einschränkungen klar kamen wie beispielsweise Handwerker.

Das konnte mal so und mal so lange dauern, häufiger dauerte es lange, sehr lange, weil die Umstände, in denen die Depression stattfand, ehrlich gesagt sehr deprimierend waren. Man wird abgeschoben in irgendeine dieser Einrichtungen, wo sich nur ganz selten mal einer um einen kümmern kommt, man muss umgehen lernen mit einem Körper, der sich nicht mehr wie der eigene anfühlt, der Alltag wird mühsamer, vieles von dem, was man sich für das eigene Leben noch vorgestellt hat, ist nunmehr Schall und Rauch, und die eigene soziale Stellung ist schlagartig dahin. Das ist alles wahnsinnig schwierig, sehr schmerzhaft, und es erfordert eine Menge Kraft, das alles zu meistern.

Warum ich das schreibe, ist dieses Interview.

An diesem Interview ist alles falsch.

Es beginnt damit, dass Jutta Pagel-Steidl Monika Lierhaus nicht zuhört. Sie hat nicht gesagt: So ein Leben ist nicht lebenswert. Sie hat gesagt: Ich würde das nicht nochmal auf mich nehmen, was ich da auf mich genommen habe. Das wäre doch ein produktiver Ansatz gewesen, um da einzuhaken: Warum nicht? Was hätte besser laufen können, was besser laufen müssen? Aber statt eine Diskussion über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Behinderung aufzumachen, haben wir jetzt eine Lierhaus-Debatte.

Es ist natürlich besonders albern, wenn Ilja Seifert einerseits sagt, es spiele keine Rolle, ob Monika Lierhaus ehrlich war; schließlich ist nicht wichtig, was sie gesagt hat, sondern was es bedeutet. Dadurch wischt er mit einer Handbewegung weg, was Lierhaus zum Ausdruck bringen wollte. Zwei Fragen später sagt Pagel-Steidl dann: „Auch wer sich nur durch Lautsprache verständlich machen kann, hat etwas zu sagen.“ Ja, wat denn nu? Darf man sich öffentlich nicht äußern, wenn man leidet? Hat Leid privat zu bleiben? Wollen wir nur noch Heititei-Geschichten über Behinderung, Krankheit, Einschränkung hören?

Als besonders übel empfinde ich diese paar Zeilen von Pagel-Steidl:

Für mich belegen Frau Lierhaus‘ Aussagen, dass sie ihre jetzige Lebenssituation nicht annimmt, sondern einem immerwährenden Vorher-Nachher-Vergleich unterwirft. Das ist nach einem solchen Einschnitt wie bei ihr normal. Aber nach fünf Jahren sollte diese Sichtweise nicht mehr dominieren. Zumal es ihr im Vergleich zu anderen Behinderten sehr gut geht. Sie ist ja immer noch eine fähige, attraktive Frau und Journalistin. Wenn sie nicht vor der Kamera stehen kann, dann soll sie eben schreiben.

Was für eine sagenhafte Frechheit. Per Ferndiagnose anzuerkennen, dass es Lierhaus scheiße geht, um dann direkt hinterherzuschieben: Aber hey, selber schuld irgendwie. Andere habens schwerer. Die Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen in Baden-Württemberg, die Pagel-Steidl ist, betreibt quasi aktiv Behindertendesolidarisierung.

Das ganze endet damit, dass Monika Lierhaus somehow plötzlich trotzdem Repräsentantin für alle Behinderten sein soll – wie sonst käme man denn dazu, sie mit Wolfgang Schäuble zu vergleichen? Was teilt Monika Lierhaus mit Wolfgang Schäuble außer einem Adjektiv, dass man ihr anpappt? Das ist genau diese Art, Behinderte gegeneinander auszuspielen, die die Persönlichkeit und den Weg, den diese Persönlichkeit hinter sich gebracht hat, mirnichtsdirnichts auf ein Schlagwort zusammendampft: behindert. Als wären alle Behinderte gleich.

via ix sein Facebook

Schneekönigin Kuka findet deutlichere Worte

PS: Ein Teil der Erfahrungen in der SHT-Abteilung sind in die erste Geschichte in diesem Buch eingeflossen.

In drei Wochen geht die Bundesliga los

Von am 14 Jul 2014 | Cachaça

So ungefähr hat es gestern hier ausgesehen:

Herzlichen Glückwunsch an alle, die sich freuen. Vielen Dank für die geschätzte Aufmerksamkeit.

Einlaufkinder #14

Von am 10 Jul 2014 | Einlaufkinder

Unthema dieser Folge ist die Performance der hiesigen Nationalmannschaft im Halbfinale des WM-Turniers. Erst sind wir uns einig, dass es da nicht viel zu bereden gibt und dann machen wir es doch. Die Niederlande nehmen noch etwas Raum ein, Fred schwärmt von Franzosen und Nico freut sich auf Bundesliga. (Noch sechs Wochen!)

7 Dinge über 8 Tore

Von am 09 Jul 2014 | Cachaça

Mir tut jeder leid, der gestern Abend das Spiel hat analysieren müssen. Es gab ja nichts zu sehen, was nicht jeder gesehen hat. Das war ein Spiel für alle, da gibt es kein Geheimnis zu entschlüsseln. Man müsste das gar nicht auseinanderdröseln, nur Bilder zeigen.

Ich erinnere mich, nach dem ersten deutschen Tor gesagt zu haben: „Schade, bis jetzt war es ein großartiges Fußballspiel.“ Danach sah das Spielfeld aus wie eine Schlachtplatte. Es tat beinah physisch weh zu sehen, dass es immer noch einzelne brasilianische Spieler gab, die versuchten, sich zu wehren. Großes Lob an Maicon an dieser Stelle.

Die Schönheit kindlichen Staunens. Natürlich, das erste Tor darf so nicht fallen, das zweite auch nicht, wenn nicht Fernandinho (wars doch, oder?) sich am Querpass verschätzt – ebenjener, der dann auch das viernull verbaselt.
Nichtsdestotrotz ist ja dieses Spiel und die dadurch ausgelöste Begeisterung eigentlich die beste Bestätigung für schönen Fußball – dieses Gefühl, wenn man vor dem Fernseher sitzt und sich fragt: Was geht denn los da rein? Zur Hölle?

Heute Morgen dann immer noch ein Gefühl tiefen Glücks: auch über das eigene Unwissen. Dass Kroos bester Spieler auf dem Platz gewesen ist, kann selbst ich nicht übersehen haben. Ein Ergebnis, ein Spiel auch, das einen zum Einverständnis mit vielen zwingt, muss ein Meisterwerk sein.

Aber Meisterwerke sind tückisch, wenn sie interpretiert werden.

„Welch harmonische Ordnung auf dem Rasen hatte er geschaffen. Eine Mannschaft ohne Schwachpunkt fuhr Angriff um Angriff. Was hatten wir eitlen Menschenkinder nicht diskutiert über Algerien, Innenverteidiger, Außenverteidiger, Wohin-mit-Lahm. Gegen Brasilien verflogen alle Debatten, und alle Teile der Löw-Elf fügten sich wie durch eine magische Hand zu schöner Vollendung.“

Das sagt Oliver Fritsch auf zeit.de, und es gibt nichts, mit dem ich weniger einverstanden sein könnte. Ist es das, was mich daran stört, wenn Deutschland nicht nur gewinnt, sondern – ein Wort, das ich nur mit Widerwillen hinschreibe – triumphiert? Wenn selbst hervorragende Sportjournalisten, wie Oliver Fritsch es ohne Frage einer der wenigen ist, sich selbst zu einem „armen Menschenkind“ macht, um den großen Sieg noch größer zu machen und eine „magische Hand“ beschwört, sagen wir es anders, ein Schicksal, eine Bestimmung erfüllt, auf magisch-archaische Bilder zurückgreift? Warum diese Überhöhung? Fehlen da die Worte?

Diese Kindlichkeit, wie lang darf man sie sich erlauben? Die Seeligkeit, Zuckerwatte geschenkt zu bekommen, ohne alle Fragen dazu – wie oft wird die Maschine geputzt, wer hat da schon alles reingerotzt, was ist mit den Kindern, die auch gern Zuckerwatte hätten, aber nicht dürfen – wie lang darf sie anhalten? Wie lange schwelgen, ohne die „Gönnerhaftigkeit und so, als wenn man alles hat und nichts mehr braucht“ (Huck)?

Teil einer Unwirklichkeit gewesen zu sein: Ich erinnere mich deutlich an die Szene in den Tagesthemen, als Claus Kleber verzweifelt versuchte, einen Übergang zwischen dem Korrespondenten in Tel Aviv und jenem im Belo Horizonte zu schaffen. Es war markerschütternd, wie der eine fortwährend über Emotionen sprach und darüber, was gerade unglaubliches geschehen war, und der andere sachlich blieb, nicht die Reaktionen der Anwesenden beschrieb, nicht in Emotionalität verfiel, und insgesamt viel weniger aufgeregt und mitgenommen wirkte. Überflüssig zu erwähnen, wer wer war.

Ältere Artikel