Rundumschlag

Von am 30 Jun 2016 | An fremden Brettern

Ich bin ja durchaus froh, dass ich mit meinen Vorbehalten gegenüber Toni Kroos nicht ganz allein bin. Ich will noch einmal kurz betonen, dass nicht seine fußballerischen Fähigkeiten mich zurückhaltend werden lassen, sondern es die Idee des Spiels ist, die er verkörpert.

Alles weitere haben wir mit René, Marcus und Philip bekakelt. Heute morgen. Um neun. Und dann Peter Alexander. Echt, da machste was mit.

Now something completely different:

Inzwischen sind zwei Rezensionen zu Zidane schweigt erschienen, die mich auch deswegen so freuen, weil sie genau jene Elemente des Buches hervorheben, die mir persönlich wichtig sind.

Steffi Fiebrig auf Textilvergehen:

Ich habe Fußball immer als ein Abbild dessen begriffen, was auch außerhalb des Stadions um mich herum passiert. Frédéric Valin hat anders als ich diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht und abgebildet, wie sich einerseits Frankreich, andererseits die französische Nationalmannschaft entwickelt haben. “Die Équipe Tricolore, der Aufstieg des Front National und die Spaltung der französischen Gesellschaft” lautet der Untertitel, der möglicher Weise die einzige sperrige Zeile des gesamten Buches ist.

Und Heinz Kamke:

Ich glaube, mich im französischen Fußball der letzten zwanzig Jahre ganz gut auszukennen, und auch gesellschaftspolitische Entwicklungen bei unseren Nachbarn verfolge ich stets interessiert. Dass dennoch mit der Zeit manches verloren geht, liegt auf der Hand, und auch vor diesem Hintergrund war es sehr aufschlussreich, sowohl sportliche als auch gesellschaftliche als auch politische Ereignisse nochmals vor Augen geführt, erläutert und eingeordnet zu bekommen. Dabei laufen die einzelnen Ebenen mitunter nebeneinander her, mit gelegentlich recht abrupten Themen- und Schauplatzwechseln, die einem Thriller zur Ehre gereichen würden; zum Teil werden aber auch von Anfang an die Querverbindungen zwischen Fußball bzw. ganz konkret der französischen Nationalmannschaft und der französischen Gesellschaft hergestellt. Besonders deutlich werden sie meines Erachtens etwa ab der Hälfte des Buches, wenn es verstärkt auf Knysna zusteuert und wenn der Autor, und damit der Leser, vielleicht auch schlichtweg von den Grundlagen profitiert, die im ersten Teil gelegt wurden.

Ausschnitte des Buches findet man bei den 11freunden und demnächst in der gedruckten Jungle World (irgendwann die Woche an dieser Stelle auch online).

Erlaubt sei mir auch dieser Hinweis auf die Buchvorstellung, die am Montag, den 04. Juli, in der Yumabar (Weserstraße 14, Neukölln) stattfinden wird (Facebook-Event hier).

Soweit erstmal. Sonntag sitze ich in der taz und tickere Frankreich mit. Ich fürchte, ich werde viel zu schimpfen haben. Zidane Ende.

The idiots guide to the Halbfinals

Von am 29 Jun 2016 | An fremden Brettern

Polen – Portugal 0:2

Fortwährend spricht man von Cristiano Ronaldo, aber entscheidend für das Viertelfinalda- und soein Portugals sind auch ein paar andere Märchenfiguren. Pepe, der böse Wolf, der alles frisst, was mehr Haare hat als er. Wenn der vom Rasen abspringt, um in ein Kopfballduell zu gehen, landet er anschließend in einem Krater. Würde man ihn verfilmen, es müsste ein Comicfilm sein, und er würde gespielt werden von irgendeinem glatzköpfigen Bösewicht aus Dragon Ball Z. Dann freilich das fleißige Lieschen, Renato Sanchez, der derart viele Löcher zugelaufen hat, ich nenne ihn ab sofort die Nähmaschine. Und am Ende auch Nani, der – man mag es kaum glauben – AUCH nach hinten kucken kann, AUCH festgestellt hat, dass bei elf gegen elf selbst für ihn ein Gegenspieler vorgesehen ist, und der trotzdem diesen Wahnsinnspass auf ronaldo gespielt hat, von dem ich seither zweimal geträumt habe. Mir ist völlig schleierhaft, wie man über dieses Spiel hat schimpfen können, das war reine Konzeptkunst. Man muss das nicht mögen, aber bevor man sich dazu entscheidet, es zu verurteilen, wäre es doch hilfreich, es zu verstehen.

Über Polen hingegen mag ich nichts sagen. Was Größe hat, wenn man es gegen einen erkennbar spielstärkeren Gegner wie Kroatien umsetzt, wirkt schnöde und langweilig und mutlos, wenn man das gegen die Schweiz macht. Diese übertriebene, lebenstraurige Vorsicht! Ehrlich, Polen deprimiert mich.

Wales – Belgien 0:2

Hätte man den Walisern vorher gesagt, wie einfach ihnen so eine Euro fällt, hätten sie vielleicht schon früher mitgemacht. Bisher haben sie sich immer ganz gut angepasst bekommen an den Gegner, wie Nachwuchsitaliener, bloß dass die einen immer überperformt haben, und die anderen spielten halt gegen Nordirland.

Belgien hingegen, glaubt man kaum bei der Topographie, was die für eine Berg- und Talfahrt hingelegt haben. Anderen Mannschaften hat so eine eindeutige Auftaktniederlage schon das Genick gebrochen, aber Belgien hat sich sagenhafterweise wieder hineingefuchst. Und das liegt an wem? De Bruyne. Der wär mal was für Lautern, aber wozu sag ich das überhaupt, auf mich hört ja sowieso keiner.

Deutschland – Italien 1:2

Prognose: Entweder Khedira ist am Samstag bester Mann auf dem Platz, oder Italien Halbfinalist.

Das würde hier wahrscheinlich einige überraschen. Man hat so viel über Boateng gesprochen, dass man ganz vergessen hat, wer der großartigste Abwehrspieler dieser EM bisher war, Giorgio Chiellini nämlich. Es ist ein bisschen albern, wie sehr die Kommentare über ihn immer mit Wildwestmetaphern hausieren gehen – knochenhart, ausgebufft, gnadenlos. Bloß weil der keine Haare hat, die im Wind wehen, wenn er mit langen Schritten, Ball am Fuß und Fuß am Ball, das Mittelfeld durchschreitet oder aus der Drehung einen Pass vierzig Meter auf außen ziseliert. Bloß weil er aussieht wie ein sieben Jahre bei Trockenfutter in einer Höhle vergessener Filmbösewicht, glaubt man ihm seine Eleganz nicht.

Aber andererseits gibt es freilich Mesut Özil. Zu dem habe ich an anderer Stelle schon leicht untertrieben.

Frankreich – Island 2:0

Ja, also. Was soll man dazu sagen. Vor dem Achtelfinale hätte ich noch gemeint, bittebitte nicht die Engländer, die reißen Frankreich auseinander wie reifen Mozzarella. Und dann spielen die gegen Island 87 Minuten ohne Flügel. Fast so wie die Franzosen gegen Irland. Das wäre mal ein Spiel geworden, übersichtlich wie die rituelle Wasserschlacht auf der Oberbaumbrücke.

Aber so schmeißt frankreich den nächsten Publikumssympathen aus dem Turnier, um dann seinerseits im Halbfinale am späteren Europameister zu scheitern. Frankreich hat das bisher ja immer so gemacht, dass die Mannschaft immer so mittelgut dabei war, bis auf einen, der dann glänzen durfte. Wenn das dieses Mal nicht Giroud sein wird.

Über Island will ich nichts sagen, die werden einem mit jedem Wort sympathischer, und am ende wünscht man sich, sie kämen weiter. Und das soll freilich auf keinen Fall passieren.

Patrick Vieira

Von am 20 Jun 2016 | Stammgäste

Der unbesungene Held der französischen Nationalmannschaft – mein unbesungener Held der französischen Nationalmannschaft – ist Patrick Vieira.

Es gibt jene Spieler, die jeder liebt, die Eleganz und Kunstfertigkeit ausstrahlen, die schwierige Dinge mit dem Ball aussehen lassen wie Schnürsenkelbinden – die einen träumen lassen, man selbst sei freilich ohne weiteres in der Lage, aus vollem Lauf eine Rabona zu schlagen, durch zwei Gegenspieler hindurch. Das sind die Zauberer, die Zidanes und Djorkaeffs, denen man deswegen Überdurchschnittlichkeit zugesteht, weil man sich mit ihnen zu identifizieren wünscht.

Und dann gibt es die anderen, die Kettenhunde, die besonders von den Fans verehrt werden – ehrliche Arbeiter sagen die Moderatoren dazu, als wäre ein Übersteiger etwas unehrliches oder sogar unehrenhaftes. Man liebt sie vor allem in Deutschland und England, dort also, wo jeder Zauber unter dem Verdacht der schnöden Illusion steht. Hier liebt man jene, die sich den Arsch aufreißen, die Dreck schlucken und spucken und buckeln und nicht lang fackeln, wenn sie ein fremdes Schienbein sehen. Das sind Leute wie Du und ich, ohne große Talente gesegnet, nur mit der Kraft ihrer Beine und dem Willen ihres Bummskopfes hauen sie all jene weg, denen es allzu leicht fällt, gut auszusehen auf diesem Platz.

Patrick Vieira ist eine Chimäre: von beiden hat er etwas. Seine Grätschen sind von tänzerischer Anmut, aber man sieht ihnen doch an, dass sie weh tun können im richtigen Moment. Seine Pässe, seine Dribblings, haben oft etwas ungelenkes, improvisiertes, planloses; erst wenn er dann einen wunderbaren Pass spielt, weiß man, dass er etwas ahnte, eine Idee hatte, auf die man nicht gekommen wäre.

Vieira ist ein Bildhauer: einer, der mit der brachialen Gewalt seiner schwielenüberzogenen Hände höchste Eleganz zu schaffen in der Lage ist. Einer, dem sowohl was nötig ist als auch was möglich ist gelingt; kurzum, der kompletteste Fußballer, den Frankreich je gesehen hat.

(Aus Zidane schweigt.

Ein längerer Auszug ist bei den 11Freunden online)

#2

Von am 19 Jun 2016 | "Mach ma n Zettel"

Gruppe A

Frankreich – Albanien 2:0
Rumänien – Schweiz 1:1

Der Himmel ist ein leeres Gewölbe. Aber es gibt ihn. Die französischen Spieler wissen das. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Spieler wortlos in den Himmel blicken sehen wie an jenem Abend. Pogba nach seinem Dropkick, wortlos nach oben schauend, innerlich von der Frage zerrissen, worin nur seine Sünde bestanden habe, die ihm ab jetzt das Glück vergällt; Giroud nach seinem Kopfball, sich kokett auf der Lippe herumbeißend, dabei aber mit einer gewissen Melancholie im Blick, als wüßte er, dass er es nicht besser verdient habe; und – mein Lieblingshimmelsmoment – Deschamps nach dem Tor, der eine Wasserflasche in die Luft schleudert, ihr kurz hinterherblickt und – einfach weiterläuft. Als wüsste er, die kommt nicht mehr runter. Als wär das eine Form archaischen Dankesopfers für einen missbilligend dreinsehenden Gott, dem das ganze aber auch meistens egal ist. Nur in diesem einem Moment ist er den Franzosen doch ein kleines bisschen gewogen: Wir nehmen aus dem Spiel die Erkenntnis mit, dass man Konter auch liegend erfolgreich zu Ende spielen kann.

Die Schweiz, das ist wie eine Ikea-Einrichtung, scheint mir. All die Komponenten sind da, die grandiosen Spieler – Rodriguez, Xhaka, Shaquiri, Mehmedi -, die schönen Möbel, wie die aussahen auf den Fotos! Man hat sich das auch alles aufs hübscheste ausgedacht, bloß um am Ende zu merken: das sieht ja alles entsetzlich bieder aus.

Gruppe B

England – Wales 2:1
Russland – Slowakei 1:2

Stellungsspiel des Jahres auf jeden Fall Jamie Vardy. Ich habe keine Ahnung, wie man darauf kommt, wie er vor dem 1:1, sich einfach mal meterweise ins Abseits zu stellen und zu kucken was passiert. Wenn ein Stürmer irgendwo nicht zu stehen hat, dann gerade da. Es gibt im Grunde keine Situation, in der Du, wenn Du da stehst, nicht aussiehst wie ein Idiot, drei Meter weit im Abseits, möchte ich meinen.

Aber nun, die Realität ist klüger als ich. Und Jamie Vardy, der ist auch klüger als ich. Das heißt, ich kann nicht besonders schlau sein, fürchte ich.

Zum Spiel Russland gegen die Slowakei habe ich hier alles gesagt, was ich zu sagen hatte.

Gruppe C

Ukraine – Nordirland 0:2
Deutschland – Polen 0:0

Ach herrje. Was mich am meisten verwundert hat, war tatsächlich eine gewisse Grundschludrigkeit in der Ordnung, die freilich bei der WM vor zwei Jahren noch als Genialität durchging, und für, glaube ich, maßgeblich Khedira verantwortlich ist, der da wie ein wildgewordener Seefahrer zwischen Indien und Madagaskar hin- und herkreuzt, immer auf der Suche nach ich weiß nicht was, vielleicht auch auf der Flucht.

Außerdem spielt Deutschland quasi ohne Außenverteidiger, oder anders: ohne Außenverteidiger, die Du für das Spiel, das Deutschland spielt, halt bräuchtest. Das überraschendste an Höwedes ist mit Sicherheit, dass er überhaupt spielt.

Gegen Nordirland wird das wohl reichen. Aber das ist kein Kick, auf den ich mich freue.

Gruppe D

Tschechien – Kroatien 2:2
Spanien – Türkei 3:0

Musste ich beide terminbedingt komplett ausfallen lassen. Großes Schade.

Gruppe E

Italien – Schweden 1:0
Belgien – Irland 3:0

Ich weiß nicht, warum das „jemanden den Zahn ziehen“ heißt. Wie es zu dieser Redewendung gekommen ist. Is klar, Italien hat Schweden den Zahn gezogen – aber wenn ein Zahnarzt fürs Zahnziehen 90 Minuten braucht, da geht doch keiner hin. Zahnziehen daurt maximal zehn Sekunden, bei mir jedenfalls,

Jedenfalls macht Italien alles, alles richtig. Sie spielen nicht besser, als sie müssen, um den Gegner daran zu hindern, Fußball zu spielen, und irgendwann denken sie sich: jetzt könnten wir aber mal, und der Witz ist: dann können sie auch. Aber mal richtig. Alle.

Und Ibrahimovic stand vorne und riss sich die Haare einzeln aus seinem Dutt. Er mag Gott und Legende sein, die drei weisen Herren in Blau sind die Moiren, und die bestimmen nunmal über Dein Schicksal.

Gruppe F

Island – Ungarn 1:1
Österreich – Portugal 0:0

Welcher Quatschkopf hat eigentlich Österreich zu einem Geheimfavoriten ausgerufen? Warum können die eigentlich keinen einzigen Ball vernünftig in die Spitze spielen? Und wenn doch, warum steht eigentlich am Ende der Verwertungskette immer Harnik? Das ist, als würde man Autos direkt in die Schrottpresse ausliefern.

Und klar kann man jetzt über Portugals Chancenverwertung spotten. Aber klar ist auch: die hatten immerhin Chancen. Das ist mehr, als die Hälfte der Mannschaften auf dieser Euro bisher über sich sagen kann.

Was für die Ohren (und die Nase)

Von am 16 Jun 2016 | An fremden Brettern

Ich saß morgens um neun in einem Radiostudio, habe ein paar Fehleinschätzungen zu den letzten und kommenden Spielen von mir gegeben und den anderen dabei zugehört, wie sie Kluges und Lustiges von sich geben. Außerdem wurde ich Misanthrop genannt, was absolut stimmt (um diese Uhrzeit).

Aber hört selbst:

Obendrein hab ich bei der taz gepöbelt.

#1

Von am 15 Jun 2016 | "Mach ma n Zettel"

Gruppe A
Frankreich – Rumänien 2:1
Albanien – Schweiz 0:1

Wenn Analyse nix bringt, hilft nur noch Psychologie. Dutzende Male habe ich wie ein besoffener Papagei vor mich hingemurmelt: perfektes Tor, perfekter Zeitpunkt, perfekter Schütze. Perfekt, perfekt, perfekt. Leider funktioniert Suggestion bei mir nicht, sonst könnte ich längst fliegen.

Was gut war: Payet mit seinem Zirkusschuß, und Kanté auch, in dessen Ahnengalerie man, forschte man genug, mit Sicherheit einen Rammbock entdecken könnte.

Was nicht so gut war: die Flügel. Frankreich ist ein Pinguin auf Landgang. Die Flügel sind nicht dafür da, wofür sie bei anderen Mannschaften dienen. Bei Frankreich sind sie dazu da, dass von außen jemand in die Mitte laufen kann. Insbesondere Griezmann, der da außen gar nichts mit sich anzufangen wußte. Hin und wieder schaute er unsicher zur Bank, ob ihm nicht demnächst einer was zu lesen bringe.

Und zu Giroud sag ich nix. Das haben glaube ich alle gesehen, trotz des Tores.

Für die Gruppe reichts, danach muss ich in eine Kirche, ein paar Kerzen anzünden.

Glückliche Fügung, dass Schweiz und Albanien bereits am zweiten Tag gegeneinander spielten, werweiß, wie lang uns sonst diese Schmalz- und Schmerzgeschichte sonst begleitet hätte. Das unglückliche Brüderpaar! In verschiedenen Uniformen! ZDF-Zweiteiler! Die Storyline hab ich schon häufiger gehört, allerings war das Setting normalerweise sowas wie der Erste Weltkrieg o.s.ä.

Gruppe B
Wales – Slowakei 2:1
England – Russland 1:1

Wales-Slowakei habe ich nicht gesehen, nur einen kurzen Blick auf die slowakischen Spieler hab ich erhascht. Hinterher habe ich mit viel Vergnügen die teils ungläubigen Gesichter meiner Mitmenschen betrachtet, die das Spiel gesehen haben und sich fragten: Wie kann eine Mannschaft, die Deutschland schlug, von Wales besiegt werden?

England-Russland hingegen war großer Spaß. Wie ein Rudel junger Hunde sprangen die in Weiß da übers Feld, übermütig herumtollend, sich ihrer Kräfte nicht vollends bewußt, immer eine Spur daneben in der Kräftedosierung, aber mit sichtbar Spaß an der ganzen Chose. Und dann kommt da in der letzten Minute so ein Brocken und macht mal alles platt. Ein Spiel wie eine Roadrunner-Folge.

Über Akinfeev und die Tragik des Torhüters steht noch ein bißchen was in der taz.

Gruppe C
Polen – Nordirland 1:0
Deutschland – Ukraine 2:0

Ich weiß nicht, was alle mit Toni Kroos haben. Jaja, sicher, guter Spieler, jaja sicher, Passgenauigkeit und Packing-Wert und all das, aber mal im Ernst: Immer, wenn Kroos gut ist, ist das Spiel sterbensöde. Wenn der Fußball ein Zirkus ist, ist er der Dompteur. Er knallt hier mal mit der Peitsche und zeigt dort mal auf einen Sturm, und Khedira, Müller, Götze, Özil usw. rennen dahin und dorthin. Das hat etwas sehr meditatives, aber ein wenig öfter ein überraschender Pass, ein bisschen Konfetti, irgendein Hoppala! Toni Kroos ist nicht das Herz der Mannschaft, es ist die Herzlungenmaschine.

Die erste Halbzeit konnte ich nicht sehen, sie soll offenbar sehr anders gewesen sein. Hoffentlich kommt das noch häufiger vor, dieses anders.

Wie Nordirland seine Qualifikationsgruppe gewinnen konnte, ist eines jener Rätsel, die nur van Däniken erklären kann. Das ist wahrscheinlich die einzige Mannschaft des turniers, wo die Leute, di schimpfend vor dem Fernseher sitzen und sagen, das könnten sie auch, Recht haben. Andererseits ist es freilich von verzweifelter Schönheit, vierzig Meter vor dem Tor zu einem Fallrückzieher anzusetzen.

Gruppe D
Türkei – Kroatien 0:1
Spanien – Tschechien 1:0

Ich weiß noch, wie ich als Kind mit höxschter Faszination meiner Großmutter beim Stricken zusah. Das ging taktaktaktaktaktaktaktak, und fertig war der Ärmel. Den Kroaten zuzusehen, hatte bisweilen Ähnlichkeiten: Rakitic und Modric, das waren die beiden Nadeln; der Ärmel, das war das Spiel; meine Oma, okay, das Bild geht nicht ganz auf.

Ein Halbfinalist, würde ich meinen.

Spanien offenbar auch, nach den 30 sekunden, die ich ruckelfrei im Stream habe sehen können. Das ganze Spiel lief für mich ungefähr so ab: (40 Sekunden Buffern) – irgendwer sagt Iniesta – (30 Sekunden Buffern) – irgendwer sagt Iniesta – (20 Sekunden Buffern) – irgendwer sagt Morata im Abseits – (Stream bricht ab).

Gruppe E
Irland – Schweden 1:1
Belgien – Italien 0:2

So geht Fußbal. Genau so, wie Italien ihn gespielt hat. Das war absolut beeindruckend, wie sie immer weider genau jene Sorte Pässe spielte, von der sie nicht wussten, ob das jetzt hinhaut oder nicht – nicht so sehr, weil sie ungenau gespielt waren, nein, das war durchaus geplant. Aber Pässe nahe der Unerreichbarkeit fordern von Mitspieler und Gegner alles, sie wollen was von einem. Dass Italien den fantasievollsten Fußball spielt, dem ich bisher bei der EM habe sehen dürfen – …

Irland – Schweden habe ich leider auch nicht sehen können; bemerkenswert allerdings die systemische contradictio in adiecto, die der Fußballjournalismus in der Berichterstattung über Schweden an den Tag legt: selbst wenn man nicht über Ibrahimovic spricht, muss man darüber sprechen, dass man nicht über Ibrahimovic spricht, und spricht also wieder über ihn. Er hat die Fußballberichterstattung gekapert

Gruppe F
Portugal – Island 1:1
Österreich – Ungarn 0:2

Die gleiche Einfallslosigkeit, die das Witzegewitter zur Partie Österreich – Ungarn begleiete, zeitigte auch das österreichische Spiel. Österreich ist ein Depp – allerbeste Voraussetzungen, das Spiel von Anfang an im Griff, und irgendwann – seis aus Schluddrigkeit, seis aus Unbeherrschtheit – lassen sie das einfach liegen, wie man versehentlich seine Tasche in der U-Bahn liegen lässt. Es hatte freilich schon etwas ausgesprochen rührendes, wie Ungarn das Nichts, das ihr kreatives Mittelfeld ist, immer wieder zurannte, das Fehlen einer eigenen Kreativität schlicht mit Arbeit kompensierte. Kleinheisler, dieser Teufel! Kann nix, macht davon aber alles mit doppelter Verbissenheit, bis doch irgendwas dabei rumkommt.

Wie war Ronaldo?

Wie gehts hier weiter?

Von am 10 Jun 2016 | Geht auf's Haus!, Kurze

Ich weiß schon, ich hab das Publikum ein wenig verwöhnt die letzten Turniere; zu quasi jedem Spiel quasi mit Abpfiff quasi eine Einschätzung, die Zusammenfassung zu nennen wohl doch etwas hochgegriffen scheint.

Zuerst die schlechte Nachricht: das wird dieses Mal in der Form nicht möglich sein. Ich arbeite im Schichtdienst und – hier lautes Weinen und Wehgeklage dazudenken – kann noch nicht einmal jedes Spiel sehen.

Jetzt die gute Nachricht: Natürlich habe ich mir für dieses Turnier Urlaub genommen, ich bin ja bekloppt. Außerdem habe ich versucht, so viel wie möglich Frühdienste abzubekommen, um sicherzugehen, dass ich am Ende der vier Wochen absolut runtergerockt bin und eines meiner Augen immerzu den Schädelinnenraum wird begutachten können.

Allerdings hat das nicht immer zu meiner vollen Zufriedenheit geklaptt. Das betrifft vor allem das komplette erste Wochenende; danach wird es hier so weitergehen, wie es sich gehört.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

PS: Meine Spam-Detektei spinnt. Die setzt gerade erstmal alle Kommentare zurück. Ich überprüfe das mehrfach täglich, aber gerade wenn ich schlafe oder so, kann es schon sein, dass ein Kommentar längere Zeit im Maschinenraum verschwindet.

Zidane schweigt – Eine Art Vorwort

Von am 10 Jun 2016 | Geht auf's Haus!

Zidane

Zidane schweigt“ also. So heißt es, das neue Buch. Gerade noch rechtzeitig zur EM. Um in einem ganz schiefen Bild zu sprechen: In der 87. Minute der Vorbereitung.

Ich hoffe, das bleibt das einzig schiefe Bild in Zusammenhang mit „Zidane schweigt“.

Es geht, einerseits, um Fußball. Um die französische Nationalmannschaft seit 1998. Um einige ihrer Ikonen – Vieira, Henry, Ribéry – um ihre Triumphe und um ihre Desaster. Um den Kopfstoß natürlich, und um den Spielerstreik. Um die Frage, warum verdammt noch eins Zidane eigentlich als großer Fußballer gilt.

Es geht, andererseits, um noch etwas anderes: was das alles bedeutet. Nicht in dem Sinn, welche metaphysischen Momente durch das Spiel Djorkaeffs oder Desaillys aufgedeckt werden können. Sondern in dem Sinn, welche Bedeutung man in diese verschiedenen Mannschaften hineingelegt hat. Warum es keine gute Idee war, anhand des Fußballs den endgültigen Triumph eines multikulturellen Frankreichs auszurufen; warum diese Mannschaften immer schillernd waren, immer für verschiedene gesellschaftliche Gruppen unterschiedliches bedeuteten, und inwiefern das Sinnbild ist für diese heutige, zerrissene französische Gesellschaft ist, die ihrem eigenen Scheitern nahe ist.

Und es geht, drittens, um den unwahrscheinlichen Aufstieg des Front National. Wie hat dieser parlamentarische Arm einer zwar gefährlichen, aber politisch unbedeutenden, rechtsterroristischen Bewegung es geschafft, zu einer der wichtigsten rechtsextremen Parteien Europas zu werden? Warum hat ihm keiner der vielen Skandale das Genick gebrochen? Was verdammt nochmal ist da los?

Ich versuche, das nachzuzeichnen, ohne unterkomplex zu werden, und gleichzeitig ohne auszufasern. Das ist ein Drahtseilakt. Manches habe ich in dem Buch nicht ausformuliert, manchmal mag ich wohl Schwerpunkte gewählt haben, die andere mit der Materie Vertraute anders gesetzt hätten. Statt flachen Übergängen hab ich eigentlich immer in die Schnittstelle gespielt.

Dieser Text ist nicht in sich geschloßen, so ist er nicht gebaut. Er ist eine Abfolge von Szenen, Eindrücken, Beschreibungen und Thesen; das kann auch anders nicht sein, man kann das Thema nicht auf ein paar Seiten erschöpfend behandeln. Zumindest ein paar Sachen werden hier im Blog noch angesprochen werden über die nächste Zeit.

Genau das soll es sein: eine Einladung, sich zu befassen mit dem Land, mit der Materie, mit dem Fußball auch. Nicht zuletzt mit dem Fußball.

An der Stelle sei noch ausdrücklich all jenen gedankt, die mir auf die ein oder andere Art bei diesem Buch geholfen haben, und ohne die das Buch entweder überhaupt nicht möglich oder jedenfalls bei weitem nicht das geworden wäre, was es jetzt ist. Sascha Großmann und Christina Koch, Martin Lafréchoux und Nico Roicke, den Damen und Herren vom Salon Böhle und Nele Solf, Lutz Wengorz und all den ganzen Verbrechern um Jörg und Kristine, Evi und Christian und der Frau Lektorin da insbesondere Philipp Böhm, der bis zuletzt meine Quengeleien ertragen hat, und ich hoffe wirklich, dass ich niemanden vergessen habe..

Out now.

Von am 08 Jun 2016 | Tresenmonologe

index

Zum Beispiel hier.

Reimt sich auf Bier. Ausgezeichnet.

The idiots guide to the Achtelfinals – So läuft die Vorrunde

Von am 08 Jun 2016 | An fremden Brettern

Gruppe 1

1.Frankreich
2.Schweiz
3.Albanien
4.Rumänien

Die französische Mannschaft hat ihre Fallhöhe die letzten Jahre komplett ausgeschöpft; minderjährige Prostituierte, die jetzt eigene Dessouskollektionen herausbringen; die Entourage des besten Stürmers, die den zweitbesten Mittelfeldspieler mit einem Sexvideo erpressen; Rücktritte, Fehden, Ausschlüsse, Mittelfinger am laufenden Band. Wahrscheinlich wird man ihnen als Mannschaftsquartier eine Raumstation bauen, um sie so von den Medien zu schützen.

Dass sie bequem am Spazierstock durch die Gruppe schlendern werden, liegt nicht an ihnen, sondern an den Gegnern; die sagenhaft dröge Schweiz, über die man nur deswegen so viel lesen wird, weil sie zu über hundert Prozent aus Bundesligaspielern besteht, und die mit 4 Punkten und 1:1 Toren der mittelmäßigste Tabellenzweite der EM werden wird. Das kleine Albanien, das wohl nur mit dieser einen Taktik Erfolg haben wird: Ball raus, Stürmer fällt um, Freistoß, Bumm. Klingt wie der Refrain eines Ballermannhit, wird mit Sicherheit auch so aussehen. Und Rumänien, das seit Jahren schon spielt wie Tofuschnitzel: sieht aus wie Fußball, schmeckt aber nach Pappe.

Gruppe 2

1.England
2.Wales
3.Russland
4.Slowakei

Ich habe schon einige EM-Vorschauen geschrieben, und jedesmal kam England auf dem Papier besser weg, als die schnöde Realität es später zugelassen hat. Englands konkurrenzfähiger Kader ist wie die Lieder am 23. Dezember: man singt darüber, das morgen der Weihnachtsmann kommt, freut sich wie bolle und trinkt noch einen, und am nächsten Abend stellt man fest: den gibt’s ja gar nicht. Aber schön gesungen hat man. Fast so schön wie die Iren.

Das lustige Wales hat ein Prolltatoo auf der Flagge, das passt hervorragend zu ihrem Verteidigungsstil, der irgendwo zwischen Wirtshausschlägerei und Klammersackpudern firmiert. Russland ist die Wundertüte der Gruppe, wenn allerdings Fabio Capello auf einer Wundertüte draufsteht, sind sehr oft nur tote Mücken drin. Die Slowakei darf auf großer Bühne dreimal tapfer sein, Frankreichs Friseure freuen sich schon sehr auf Marek Hamsik.

Gruppe 3

1.Deutschland
2.Polen
3.Nordirland
4.Ukraine

Ja gut, äh, also ich sag mal. Seit 2006 ist das schlimmste an Spielen mit deutscher Beteiligung das Kommentatoren-, Moderatoren- und Ventilatorengebrabbel drumherum. Oli Kahn wird seine Lernfortschritte in puncto deutscher Sprache präsentieren dürfen, und Mehmet Scholl wird aufpassen, dass er nichts allzu wahres über Mario Gomez sagt. Holger Stanislawski spielt den Laptroptrainer, seit 100 Prozent Meyer fragt man sich ja ohnehin, warum das ein Ausbildungsberuf ist.

Fußballerisch ist folgendes zu sagen: Özil wie weiland Netzer in die Innenverteidigung zu ziehen, wird der Geniestreich sein, der Nordirland und die Ukraine knackt. Das reicht für den Gruppensieg.

Polen spielt wie ein Schwarzwaldhaus: Solide mit ausgezeichneter Aussicht. Aber sie singen halt nicht in den Straßen, es ist mehr Bruckner als Mozart, es rummst bisweilen, es fließt nicht so elegant. Manchmal, wenn ich Polen sehe, denke ich, die Mannschaft braucht keinen Trainer, sie braucht einen Tanzlehrer.

Wer Spaß an Darmstadt hatte, wird Nordirland lieben. Da dachte der Gegner auch allzuoft: theoretisch kann man diesen oder jenen Paß spielen, aber die können das nicht, da muss ich nicht hin. Und dann konnten sie es nicht. Außerdem: Eckbälle. Eckbälle, Eckbälle, Eckbälle. Nordirlands Trainingseinheiten stell ich mir so öde vor wie den Schlagermove.

Ich weiß gar nicht, ob die Ukraine in der Qualifikation auch nur einen erfolgreichen Torabschluß innerhalb des Sechzehners hatte. Mir kommts so vor, als bestünde der Plan darin, Yarmolenko und Konoplyanka aus 20 Metern draufhalten zu lassen und dann mal sehen, was passiert. Wie Eishockey, hinten checken sie halt weg, wo sie rankommen (mittelmäßig viel).

Gruppe 4

1.Spanien
2.Türkei
3.Kroatien
4.Tschechien

Die spanische Fußballkultur hat sich etwas festgefummelt. Für die Gruppe reichts, aber in naher Vergangenheit sah die Spielanlage aus wie ein Stuhlkreis einer Selbsthilfegruppe, wo in der Vorstellungsrunde jeder jedem den Ball zuwerfen darf: jetzt bist Du mal dran. Und wenn dann einer dazwischenhaut, sind alle getriggert.

Die Türkei, noch so ne Wundertüte. Der reine Borderline-Fußball. Kann kraft Begeisterung jeden schlagen, ziemlich oft aber auch sich selbst. In der Gruppe kommt ihnen zugute, dass sie weiß Gott keine Favoriten sind. Wenn sie das erste Spiel gegen Kroatien gewinnen, wird’s lustig.

Seit Ivica Olic nicht mehr ist, kann ich mit den Kroaten nichts anfangen. Mario Mandzukic, dieser dummdreiste, Mensch gewordene Vorschlaghammer, der eitle Perisic, dem bei jedem Übersteiger seine Selbstherrlichkeit aus den Hüften wackelt; das können auch Modric und Rakitic nicht retten, die bei ihren Clubs jeweils für das Realitätsprinzip stehen zwischen lauter Zauberkünstlern; quasi die Manager der Revue sind, die andere dann aufführen.

Tschechien ist auch dabei.

Gruppe 5

1.Belgien
2.Schweden
3.Italien
4.Irland

Belgien ist ein Saab: Scheißesolide, aber glamourlos. Wäre ihr Spielstil eine Sprache, es gäbe keine Relativsätze, Adjektive nur an Sonntagen. Sie leben mehr von den Fehlern der anderen als von eigenen Verdiensten, was absolut okay ist für einen Viertelfinalisten.

Es ist bei Strafe verboten, über Schweden zu schreiben, ohne Ibrahimovic zu nennen. Der bekannteste nach Schwede nach Gustav Adolf hat mal über seinen norwegischen Kollegen Carew gesagt: Was der mit dem Ball kann, kann ich mit einer Orange. Einer der schönsten Disse der Fußballgeschichte.

Italien, da lege ich mich fest, wird bester Gruppendritter, gewinnt dann alle Spiele in der Nachspielzeit und feiert einen furiosen Finalsieg gegen wenauchimmer. Bloß, um die Franzosen zu ärgern, für die Italien das Holland Deutschlands ist.

Irland reist mit dem schönsten Männerchor der Welt an. Das einzige Land, bei dessen Spiele die Handyaufnahmen aus der Kurve mehr taugen als die Spielzusammenschnitte hinterher.

Gruppe 6

1.Portugal
2.Österreich
3.Island
4.Ungarn

Portugal wird glänzen, wie so oft, wegen des Gels in der Haare seines Mittelfelds, aber auch wegen der wundervollen Heimtrikots. Die Auswärtstrikots in türkisgrün hingegen sehen aus wie hingeschimmelt, Licht und Schatten sozusagen, das ist doch eine wunderbare Metapher für den portugiesischen Fußball: Im Normalfall kleidsam und elegant, in der Ausnahme ein Autounfall. Kann man nicht wegsehen,

Österreich, die Hoppelhasen in Ernst-Happel-Hosen! Hat in der Quali teils zauberschönen Fußball gespielt. Kann aber auch beißenkratzenkämpfen und haben einen Trainer, der ein Wissender ist. Der Spielt, Hand in der Hose, nicht Taschenbillard, der spielt Säckelschach, so schlau ist der.

Island hat all meinen Respekt, das sage ich vorsorglich, aus rein politischen Gründen, denn wenn das so weiter geht mit dem Rechtsruck in Europa, ist das bald das einzige Land, in dem es vorstellbar ist zu leben. Aus dem entgegengesetzten Grund würde ich gerne sehr viel über Ungarn schreiben wollen, aber mein Anwalt hat gesagt, das ginge so nicht. Null Punkte!

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